Schmugglerschnaps aus Tennessee | Ole Smoky Moonshine und Old Forge Destillery | Maisschnaps | FOODBARN
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Früher wurde in den Smoky Mountains wie verrückt, klammheimlich und ganz im Verborgenen Schnaps gebrannt. Seit ein paar Jahren darf der legendäre Moonshine in Tennessee aber auch ganz legal hergestellt und verkauft werden – und entwickelte sich zum trendy Hochprozentigen aus dem Einmachglas. Ein Tasting-Besuch in der Entertainment-Stadt Pigeon Forge.

Text/Fotos: Sascha Rettig

Schnell musste die Karre sein. So schnell, dass man damit die Polizei und die Konkurrenz in den kurvigen Bergstraßen abhängen konnte – und dabei so unauffällig, dass nicht zu erkennen war, wie viel Kraft da eigentlich unter der frisierten Haube war. Auf der Ladefläche befand sich schließlich heiße Ware, die während der Prohibition in den USA in den 1920er und frühen 30er Jahren geschmuggelt werden musste: Moonshine! „Das ist der Name für den Maisschnaps, den sich die Leute zu Hause brannten, heimlich und illegal“, sagt Johnny Baker von der „Ole Smoky Moonshine“-Destillery in Gatlinburg im Bundesstaat Tennessee.

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Von der illegalen, heimischen Brennerei zur eigenen „Ole Smoky Moonshine“-Destillery: Johnny Baker

Die kleine Stadt ist nur wenige Kilometer entfernt vom Entertainment-Epizentrum Pigeon Forge, wo Dolly Partons Freizeitpark „Dollywood“ jährlich weit über zwei Millionen Besucher anzieht. Außerdem ist sie ein Tor zu den Smoky Mountains, dem meistbesuchten Nationalpark der USA und einer Gegend, in der Schwarzbrennerei Tradition hat. Die Berge haben ihren Namen wegen des Nebels, der häufig durch die Landschaft zieht und die perfekte Tarnung für den Rauch war, der aus den Brennblasen der Schwarzbrenner kam. Auch wenn man die Maische hätte riechen können: Zu sehen war zumindest nichts, wenn in Scheunen, Höhlen, verlassenen Minen gebrannt wurde. „Es war eine Möglichkeit, nebenbei noch Geld zu verdienen“, berichtet Baker. Noch heute kenne jeder irgendjemanden, in dessen Familie Moonshine gebrannt wurde. „Das wurde von Generation zu Generation so weitergegeben – auch schon vor der Prohibition“

Die allerdings kurbelte die Nachfrage nach diesem Schnaps damals ordentlich an. Ja, gerade während dieses Alkoholverbots entwickelte sich Moonshine regelrecht zum Verkaufsschlager, so dass manch einer diese Zeit gern als goldene Ära bezeichnet. Auch jetzt boomt das Business mit der Spirituose wieder, diesmal allerdings ganz legal und längst nicht nur in den USA. Einer der entscheidenden Gründe dafür ist sicherlich, dass in Tennessee vor einigen Jahren das Gesetz zum Brennen von Alkohol gelockert wurde. Demnach ist die Schwarzbrennerei zu Hause natürlich nach wie vor verboten, ein legales Business aus der Herstellung von Hochprozentigem zu machen allerdings nicht mehr.

Johnny Bakers Neffe erkannte damals mit ein paar Freunden das Potenzial darin und zog daher 2010 schnell eine Moonshine-Destillerie auf. „‚Ole Smoky‘ ist die erste offiziell lizensierte Destillerie in Ost-Tennessee“, sagt der hörbar stolze Baker-Onkel. Und mittlerweile auch einer der Big Player im recht neu entstandenen Moonshine-Markt. In viele Länder wird der Schnaps exportiert, auch nach Deutschland. Den Reiz des Verbotenen hat er so natürlich nicht mehr. Die vielen neuen Produzenten spielen aber damit – und mit der Historie, die die Spirituose umnebelt: Als sie quer durch die USA transportiert und an Mafia-Größen wie Al Capone verkauft wurde.

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‚Ole Smoky‘ ist die erste offiziell lizensierte Destillerie in Ost-Tennessee

„Als die Bosse des organisierten Verbrechens herausfanden, dass in den Südstaaten Maisschnaps hergestellt wird, schickten sie Trucks runter, die an bestimmten Orten warteten“, erklärt der drahtige Mittfünfziger mit breitem Southern-Einschlag. „Die Schwarzbrenner wussten allerdings nicht, wie groß die Nachfrage sein würde und wie viele Trucks kämen, um Schnaps zu kaufen.“ Deshalb mussten die Fahrer, die sogenannten Moonshine-Runner, die meist im Schutz der Nacht und in halsbrecherischen Manövern unterwegs waren, schnell sein, um ihre Spirituosen garantiert loszuwerden. Die Stock-Car-Rennen der NASCAR sollen im beschleunigten Schnapsschmuggel ihren Ursprung haben, weil sich die Schmuggler irgendwann trafen, um gegeneinander anzutreten.

Dass Moonshine der Schnaps der „Hillbillies“ ist, also der Hinterwäldler, wie die Bewohner der Smoky Mountains mitunter spöttisch genannt werden, schadet der Beliebtheit nicht. Im Gegenteil: Das Image der Schwarzbrenner und ihres Schnapses ist sicher ein entscheidendes Verkaufsargument. „Ole Smoky Moonshine“ bedient es und spielt damit: Die Angestellten tragen Jeans-Latzhosen. Draußen spielt den ganzen Tag eine Bluegrass-Band. Und der Moonshine wird stilecht in Einmachgläsern verkauft – und gern daraus getrunken. Zumindest wenn es um die abenteuerliche Geschichte des Moonshine geht, ist Hillbilly-tum damit sogar trendy geworden.

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Das hippe Hinterwäldlertum besteht hier aus Jeans-Latzhosen, Country-Musik und Moonshine in Einmachgläsern.

In den Shops von „Ole Smoky“ sind die Regale voll mit den Gläsern, die je nach Geschmacksrichtung in Rot, Gelb und anderen Farben leuchten. An den Theken kann man sich großzügig und kostenlos durch die zahlreichen Sorten probieren. Die reichen vom „Original“ über Moonshine mit eingelegten Kirschen und Pfirsichen bis hin zu Geschmacksrichtungen mit Zimt, Apple Pie oder Eierlikör. Für das Trinken gibt es keine Etikette. „Man kann Moonshine trinken, wie man mag“, sagt Baker. On the rocks, in Cocktails, in Kombinationen mit anderen Moonshines.

Anders als bei „Ole Smoky“ herrscht in der „Old Forge Distillery” in Pigeon Forge keine laute Partystimmung. Es geht eher ruhig zu in der Brennerei, die im alten Teil der Stadt liegt, der an eine Zeit erinnert, als die Entertainment-Hochburg noch eine Kleinstadt war: in einem Viertel mit historischen Holzhäusern, Töpferei, General Store, einem Restaurant und einer Mühle, die bis heute betrieben wird. Beim Tasting dort tauchen noch einmal andere Geschmacksrichtungen auf – zum Teil noch ein paar Umdrehungen abenteuerlicher mit Sorten wie French Toast oder Kaffee. Auch sonst wird in dieser Craft-Brennerei ein ganz anderer Ansatz verfolgt.

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In der Old Forge Distillery liegt der Fokus auf dem Handwerk

Der mehrfach ausgezeichnete Chef-Destiller Keener Stanton betont immer wieder, dass ihm das Handwerk bei der Herstellung wichtig ist. Einige Getreidesorten, die er als Zutaten verwendet, werden noch in der historischen Mühle nebenan gemahlen. Keener geht hier nicht um globale Verbreitung, sondern um die Herstellung kleinerer Mengen. Ein bisschen so wie damals, wenn man so will: wie zur Zeit der Moonshine-Schwarzbrennerei – allerdings in der experimentierfreudigen Qualitätsvariante.

Hier findest du Wissenswertes sowie viele Rezepte rund ums Trinken.

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