Das sagen Bartender zum Verzicht auf Plastikhalme | FOODBARN
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Geht es nach der EU, sollen Trinkhalme aus Plastik bald passé sein. Aus Umweltgründen nachvollziehbar – und doch sind die bunten Halme gerade aus dem Nachtleben kaum wegzudenken. Wir haben Bartendern, die Cocktails auf hohem Niveau mixen, die Hälmchenfrage gestellt.

Text: Katharina James

Fotos: Katja Hiendlmeyer & Michel Passin

Yvonne Rahm hat sich die Halmfrage nie gestellt. In der Kreuzberger Schwarzen Traube, in der sie seit 2013 hinter der Bar steht, gibt es schon seit Jahren keine Trinkhalme: „Weil man sie einfach nicht braucht“, erklärt die Gewinnerin der World Class Bartender Competition 2018 selbstbewusst: „Wenn jemand fragt, dann beziehe ich mich auf den Geruch des Getränks, den man einfach nicht mitbekommt – oder nur minimal, wenn man aus dem Halm trinkt“. In der unkonventionellen Cocktailbar wird diese Praxis so gut wie nie in Frage gestellt, sagt Rahm: „Es gab vielleicht ein, zwei traurige, aber kooperierende Gesichter“.

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Yvonne Rahm verzichtet schon seit fünf Jahren auf Trinkhalme in ihren Cocktails – der Umwelt, aber auch dem Geschmack zuliebe

Was für Yvonne Rahm selbstverständlich ist, steht vielen Cocktailbars und Kneipen noch bevor. Denn weltweit wächst die Kritik an Einwegtrinkhalmen aus Plastik. Die EU plant ein Vermarktungsverbot, mehrere US-Großstädte, darunter New York und Seattle, ebenso. Supermärkte und Gastronomieketten nehmen sie aus dem Programm. Angesichts der Belastung, die Plastik allgemein für die Umwelt und die Weltmeere bedeutet, kein unverständlicher Schritt. Ausgerechnet bei Cocktails und Longdrinks aber fällt es schwer, sich den bunten Trinkhalm wegzudenken, mit dem man so schön die Eiswürfel zum Klappern bringen kann.

„Ich kann mich in den Gemütszustand vieler Bartender hineinversetzen, die den Kampf mit dem Gast scheuen und ihm seinen geliebten Plastiktrinkhalm wegzunehmen.“ Arash Ghassemi, mehrfach ausgezeichneter Barkeeper, beschreibt die Entscheidung für oder gegen den Trinkhalm als „Balanceakt zwischen dem ökologischen Aspekt, dem ökonomischen und dem Wohlbefinden des Gastes“ Aus Umweltgründen wollte Ghassemi, damals Leiter der Cocktailbar Green Door in Berlin, auf Einweghalme verzichten. Er stellte aber fest, dass die wiederverwendbaren Alternativen für ihn nicht wirklich welche sind: „Trinkhalme aus Metall sind beim Genießen des liebevoll hergerichteten Cocktails eher unangenehm für das Mundgefühl. Man sollte auch den hygienischen Aspekt beachten, da die Reinigung etwas mühsamer ist“. Unter finanziellen Gesichtspunkten war zudem die Neigung von Gästen, die Metallröhrchen als Souvenir mitgehen zu lassen, problematisch. „Trinkhalme aus Papier sind im Grunde eine tolle Alternative, jedoch sollte man darauf achten, wo diese produziert worden sind“, gibt Ghassemi zu bedenken, „ist es ökologisch sinnvoll, wenn die Papiertrinkhalme den ganzen Weg aus Indien machen und durch den CO2 Ausstoß des Transports am Ende nicht besser dastehen als der böse Bruder aus Plastik?“

Auch FOODBARN hat die Alternativen zu Plastikhalmen getestet. Was wirklich dran ist an den umweltfreundlichen Versprechen und welcher Halm das Team am meisten überzeugt hat, erfahrt ihr hier.

Auch Sven Riebel, Juror beim Wettbewerb um den Titel World Class Bartender Deutschland, hält nur wenig von den umweltfreundlicheren Halmen: „Leider gibt es für uns keinen brauchbaren Ersatz. Trinkhalme aus Glas machen zu viel Lärm im Gästeglas, Metall leitet die Kälte zu sehr an die Lippen und Naturprodukte lösen sich teilweise auf und geben Geschmack ab.“ In seiner Frankfurter Bar Seven Swans & The Tiny Cup hat er sie deshalb ganz abgeschafft: „Raus mit dem Stuss. Wenn überhaupt keine Trinkhalme vorhanden sind, kommt gar nicht erst der Rechtfertigungsgedanke auf.“ Persönlich vermisst Riebel er sie sowieso nicht. „Ohne Trinkhalm es ist ein größeres olfaktorisches Vergnügen, da nicht nur mit Zunge geschmeckt wird, sondern auch über die Nase mit dem Geruchssinn. Bringt man also Mund und Nase näher ans Getränk, ist der Genussfaktor deutlich höher.“

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Strohhalme vermisst in der Bar von Sven Goller niemand

Vergleichsweise unkompliziert beschreibt Sven Goller, Deutschlands bester Bartender 2017, die Umstellung in seiner Cocktailkneipe Das schwarze Schaf in Bamberg. „Zuerst haben wir angefangen, keine Trinkhalme mehr in die Drinks zu geben, sondern nur noch auf Nachfrage welche rauszugeben. Das hat dann den Strohhalm Verbrauch um knapp 85% schon gesenkt. Wir haben die Strohhalme, die wir noch hatten dann so aufgebraucht und dann kommuniziert, dass wir aus Umweltschutzgründen keine Plastikstrohhalme mehr führen werden.“ Inzwischen erklärt auch ein kleiner Hinweis in der Cocktailkarte die „No Straw Policy“. Bei den Gästen kam das so gut an, dass sich Goller anders als ursprünglich geplant nie um einen umweltfreundlichen Ersatz gekümmert hat: „Da mittlerweile wirklich niemand ein Problem damit hat, haben wir uns dagegen entschieden und Trinkhalme komplett abgeschafft. Wenn jemand partout einen Halm möchte, dann machen wir das natürlich mit unserem Charme wett.“

Einen so harten Cut wollte Ghassemi in der Green Door nicht machen: „Ich habe mich am Ende für in Deutschland produzierte Bio-Trinkhalme aus echtem Stroh entschieden. Im Vergleich waren die natürlich kostspieliger als die Variante aus Papier, jedoch habe ich generell die Anzahl an Cocktails, die mit Trinkhalmen kreiert und produziert wurden massiv heruntergeschraubt. Wir hatten auf der Karte gerade einmal zwei Drinks, die mit einem Trinkhalm serviert worden sind.“

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