Würmer essen für den Weltfrieden | FOODBARN
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Er ist der Medienliebling der Grünen Woche: der Insektenburger. Dabei haben die Deutschen mit Maden, Grillen oder Heuschrecken bislang gefremdelt. Doch eine neue EU-Verordnung könnte den Krabbeltieren jetzt zum Durchbruch verhelfen.

Text: Antje Hildebrandt
Fotos: Gino Giove

Ein brauner Klops. Er bruzzelt in Halle 22 A in einer Pfanne, und Herbert, 77, kann nichts dafür. Er muss ihn einfach wie hypnotisiert anstarren. Es geht dem Rentner wie vielen Besuchern der Grünen Woche in Berlin. Vor ihnen liegt Deutschlands erster Insektenburger. Sieht aus wie ’ne Bulette. Riecht wie ’ne Bulette. Aber schmeckt der auch wie eine?

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Das Team der Bugfoundation stand den interessierten Messebesuchern gekonnt Rede und Antwort und verköstigte einen „Bug Burger“ nach dem anderen.

Von der Frage hängt einiges ab. Nicht nur für ihre Erfinder, auch für die Zukunft der Ernährung. Müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass Beef künftig nicht gleich Beef ist? Dass das Rind Konkurrenz von Krabbeltieren bekommt, die so klein sind, dass Millionen von ihnen in eine Schublade passen? Die aber nur einen Bruchteil des Futters von Rindern brauchen, um dieselbe Menge an Eiweiß zu produzieren? Und die die Umwelt obendrein nicht mit ihren Treibhausgasen belasten?

Solche Gedanken schießen Herbert durch den Kopf, als er den Insektenburger betrachtet. Er guckt, wie die Kandidaten im Dschungelcamp bei RTL gucken, bevor sie Känguru-Hoden herunterwürgen müssen. Dabei sieht man der Bulette ihre Herkunft gar nicht an. Die Bugfoundation, ein junges Start-up-Unternehmen aus Osnabrück, hat sie entwickelt. Der Klops besteht zu 30 Prozent aus Buffalo-Würmern.

Würmern? „Na ja, also nicht von Würmern aus dem Angelshop“, feixt der Mittzwanziger im Hoodie, der die Burger am Stand der Bugfoundation brät. Die Würmer stammten von einer Farm in Holland. Sie seien speziell für den Verzehr gezüchtet worden.

Gepäppelt und zu Mehl verarbeitet. Biosoja und Gewürze kommen dazu. Fertig. Die Rezeptur ist streng geheim. „Wir haben sie monatelang in einem Kochlabor ausgetüftelt“, sagt Baris Özel, 30. Ein Bremer Jung‘ mit einem Lächeln so breit wie der Ärmelkanal und Extremitäten so lang, dass er sie patentfalten muss, um in den kleinen Konferenzstuhl der Messe zu passen.

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Jungunternehmer Baris Özel will die Welt mit seiner Bugfoundation ein kleines bisschen besser machen.

Er hat das Unternehmen 2013 zusammen mit seinem Jugendfreund Max Krämer gegründet. Er sagt, es sei aus Abenteurlust entstanden. Die beiden hatten sich ein Urlaubssemester genommen. Monatelang waren sie mit dem Rucksack durch Asien gereist. Beeindruckt von der Kultur und ihrer Küche. Was es da nicht so alles gab. Raupen, die nussig schmeckten. Heuschrecken mit Honig- oder Bacon-Aroma.

Wieder zurück, schrieb Geographie-Student Max seinen Bachelor. Es ging um Insekten. Er verglich ihre Zucht mit der industriellen Schweinezucht. Baris sagt, um Gottes Willen, nein, sie seien keine Öko-Terroristen. Aber die Vorteile der Massentierhaltung von Würmern hätten sie überzeugt. Sie wollten, dass auch andere diese Art von Future Food kennenlernten. Würmer essen für den Weltfrieden, aber so, dass man sich nicht vor den Würmern ekeln kann, weil man sie nicht sieht. So entstand die Idee für den Bug Burger.

Bug bedeutet Wanze. Der Name klingt wie eine Kampfansage. Und das ist der Burger ja irgendwie auch. Seine Erfinder wollen Ernährungsgewohnheiten revolutionieren. Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht? Man muss es ihm nur schmackhaft machen. Dann vielleicht doch.

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Die Verpackung des „Bug Burgers“ weckt gekonnt Interesse beim Betrachter.

Ein gewagtes Unternehmen. Denn in Deutschland war der Verzehr von Insekten zwar nicht explizit verboten, aber auch nicht explizit erlaubt. Die Firmengründer bewegten sich in einer rechtlichen Grauzone. Das Geschäft hängt davon ab, ob die örtlichen Behörden ihr Okay geben. In Belgien und Holland klappt das reibungslos. Dort bekommt man ihren Bug Burger schon heute in ausgesuchten Steakhäusern. Kein billiges Vergnügen. Elf bis fünfzehn Euro kostet der mit Pommes Frites – mehr als ein Rinder-Burger.

An ihrem Firmensitz in Osnabrück dürfen Özel und Krämer den Burger dagegen nicht mal zu Testzwecken servieren. Die Behörden verweigerten ihnen die Genehmigung, sagt Özel.    Desinteresse oder Misstrauen? Sie haben es aufgegeben, darüber nachzugrübeln. Der Kampf gegen die Mühlen der Bürokratie kostet sie noch mehr Energie als die Bekehrung der Verbraucher. Özel seufzt. „Man muss ein bisschen bescheuert sein, um das durchzuziehen.“

Dass ihnen auf halber Strecke nicht die Puste ausgegangen ist, verdanken sie der EU. Sie hat zum 1. Januar eine neue Verordnung erlassen, nach der Insekten als Lebensmittel anerkannt sind. Und sie hat die Bugfoundation auch finanziell gefördert. 330 000 Euro flossen in das Unternehmen. Eine Investition in eine nachhaltige Massentierhaltung, sagt Özel nicht ohne Stolz. Aber wie sieht es mit dem Geschmack aus?

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Die „Bug Burger“ werden genau so gebraten wie konventionelle Burger.

Der ist das A und O, da macht er sich nichts vor. Taste first. Das gute Gewissen isst zwar auch mit. Doch was nützt die beste Ökobilanz, wenn so ein Burger eben doch nur die Note bekommt: Hätte ich mir schlimmer vorgestellt.

Entsprechend gespannt fieberten die Unternehmer der Premiere ihres Burgers in Berlin entgegen. Die Grüne Woche ist die weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Ein Mekka für Normalverbraucher, keins für Bioladen-BinLadens. Wenn es der Insektenburger hier schafft, schafft er es auch im Rest der Republik. Dann könnte sich erfüllen, was Ernährungswissenschaftler prophezeit haben: Dass die Insekten, nicht gleich die Masse, aber doch zumindest zehn Prozent der Bevölkerung erreichen können.

Das Fernsehen ist daran nicht ganz unschuldig. Immer im Januar, wenn der Privatsender RTL sogenannte It-Girls, Ex-Moderatorinnen oder ehemalige Teilnehmer von Castingshows als Schwenkfutter im Dschungelcamp verheizt, stapeln sich bei Dennis Besseler, 38, die Bestellungen. Der Kölner hat sich früher selber allein durch den Dschungel geschlagen, ohne Kamerateams. Käfer und Insekten bewahrten ihn vor dem Verhungern. „Die schmeckten nicht gut, muffig, manchmal sogar ranzig“, sagt er. Aber mein Gott, was esse man nicht alles, wenn einem der Magen in den Kniekehlen hänge?

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Die Mitarbeiter am Messestand der Bugfoundation konnten sich nicht über mangelnde Nachfrage an ihrem Insektenburger beschweren und nahmen den Besuchern gekonnt die „Angst vor dem Unbekannten“.

Und getrocknet, gewürzt und abgepackt schmecken die Insekten sogar ihm. Hierzulande war er der erste, der sie importierte. Insektenlutscher, so heißt sein Online-Versand. Seit einigen Jahren bietet er auch Kochkurse in Köln, Düsseldorf, Mainz, Berlin und Hamburg an. Er trägt dann ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck: „Don‘t cry – eat it“. Er erklärt den Teilnehmern, warum Insekten als Proteinquelle eine gute Alternative zum Billig-Schnitzel aus dem Discounter für 99 Cent seien. Und er zeigt ihnen, wie man Heuschrecken rupft oder Grillen fürs Dessert karamellisiert. Für die meisten Teilnehmer ist es ein Kulturschock. Kaum einer hat Erfahrungen mit Insekten. Es gibt weltweit 2000 Arten, die als genießbar gelten. Aber Europa ist eben nicht Afrika. Hier gibt es keine Würmer, die man sich einfach so in den Mund stecken kann. Und der Maikäfer, aus dem man im 19. Jahrhundert noch Maikäfersuppe kochte, ist vor dem Aussterben bedroht. Die Neugier, sagt Besseler, sei aber stärker als der Ekel. „Schlecht geworden ist noch keinem.“

Der Siegeszug der Insekten, so scheint es, ist nicht mehr zu stoppen. In der Schweiz gibt es die Insektenburger schon heute tiefgefroren im Supermarkt. Mit der neuen Novel-Food-Verordnung hat die EU den Herstellern auch hierzulande eine Tür geöffnet. Noch müssen sich Restaurants und Einzelhändler  ihre Produkte von der EU zertifizieren lassen. Doch sobald sie den Stempel aus Brüssel haben, kann es losgehen.

„Es ist wie mit dem Sushi vor dreißig Jahren“, sagt Guido Ritter, Professor an der Fachhochschule Münster und Experte für nachhaltige Produktentwicklung. „Wenn die Würmer verarbeitet sind und man keine Beinchen mehr sieht, ist die Akzeptanz hoch. Die Leute werden sagen: „Ach, das schmeckt ja gar nicht so schlecht.“

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Bin hübsch. Rieche Lecker. Schmecke köstlich. Willste kosten?

Aber fragen wir jemanden, der sagt, er möge am liebsten Buletten – vom Rind, natürlich. Herbert, 77, Rentner aus Berlin, ist mit seiner Ehefrau und einem befreundeten Paar zur Grünen Woche gekommen. Sie haben aus dem Fernsehen vom Insektenburger erfahren. Jetzt schiebt sich Herbert unter den Augen seiner Begleiter einen Happen in den Mund. Es ist wie bei einer Mutprobe. Er schließt die Augen. Euphorisch guckt er nicht.

Den Daumen nach unten reckt er aber auch nicht. Ein gutes Zeichen, sagen die Jungs von der Bug Foundation. Ihr Insektenburger ist der Liebling der Medien. Alle wollen wissen, wie er denn nun schmeckt. Herbert formuliert es diplomatisch: „’nen bisschen trocken. Vielleicht sollten sie Knoblauch dazu geben. Aber eigentlich würde ich so einen Wurm viel lieber mal roh probieren.“

In unserer Rubrik ENTDECKEN findet ihr weitere kulinarisch interessante Orte und Persönlichkeiten. 

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Die „Bug Burger“-Häppchen wurden mit Barbecuesauce serviert.

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