Die Kistenkocher - ein Hokkaido im neuen Gewand | FOODBARN
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Die Idee hinter einer Obst- und Gemüsebox war mir schon immer sympathisch. Trotzdem konnte ich mich lange nicht dazu durchringen, einen großen Teil meines Lebensmittel-Budgets auf einmal dafür auszugeben und gleichzeitig wenig Einfluss auf den Inhalt zu haben. Die Auswahl in den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte brachte aber auch keine Lösung meiner first-world-problems: Regelmäßig stand ich da und zerbrach mir den Kopf, was diesmal in den Korb wandern sollte.

Das Angebot der Gemüseretter Etepetete überzeugte mich schließlich doch. Regelmäßig klingelt nun eine Kiste voll Gemüse und Obst mit Schönheitsfehlern an meiner Tür. Und hier erzähle ich, wie es ist, wieder mit dem hantieren zu müssen, was auf den Tisch kommt. Oder in die Kiste.

Text/Fotos: Laura Vorsatz

Fünf intensive Wochen Kistenleben. Ich fühle die Expertin in mir wachsen. Noch bevor die nächste Kiste in meiner Küche eintrudelt, überlege ich krampfhaft, was ich überhaupt noch erleben kann, in diesem Universum der krummen Dinger und unauffälligen Auffälligkeiten. Ich bin mittlerweile eine alter Häsin im Geschäft, alles gesehen, alles probiert. Was soll denn bitte noch Neues kommen, nach regionalem Kimchi, salatierter Galia-Melone, Gehirn-frostender Ananas und einer ungefährlichen Tomaten-Armee?

Ganz einfach: Ein Kürbis! Ein grüner Kürbis. Im Format eines Hokkaidos. Was anderes hätte ich auch nicht gekauft, denn der wohl bekannteste Vorteil des Hokkaidos ist die kochbare Schale. Dieser grüne Hokkaido ist ein Exot, der in Japan Normalität ist – da formt sich der Blick eher zu Fragezeichen, wenn die Dinger orange sind. Hierzulande lässt sich der Kürbis im grünen Gewand schlechter verkaufen, weil er für unreif gehalten wird. Einmal aufgeschnitten, zeigt sich jedoch die gewohnte Farbe der beliebtesten Panzerbeerenfrucht der ganzen weiten Welt: Tiefstes Orange.

Kistenkocher_Hokkaido_Kürbis
Ungeahntes verbirgt sich im Inneren dieser Panzerbeerenfrucht. Mit einem Klick auf das Bild ergeben sich noch viel ungeahntere Möglichkeiten, mit dem Hokkaido umzugehen.

Übrigens wurde der Hokkaido nicht von einem grün bedaumten Pflanzenliebhaber benannt, sondern aus Marketing-Gründen auf den Namen der Insel, auf der er hauptsächlich angebaut wird, getauft. Wäre es anders gelaufen, müsste ich heute von „Kuri-Kabocha“, Japanisch für den grünen Kürbis, schreiben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Meiner Meinung nach ist nichts sinnvoller, als den Kürbis in Spalten zu schneiden und im Ofen butterweich werden zu lassen. Ambitionierteren Köchen seien ansonsten die Kürbis-Gnocchi mit Salbei-Ahorn-Butter und Bourbon ans Herz gelegt. Macht auch Sinn.

Kistenkocher_Knoblauch
Was auf den ersten Blick aussieht, wie kleine nackte Mäuse-Föten, wird später zu einem Knoblauchaufstrich, der es dir wert sein wird, keine Freunde mehr zu haben. Das Rezept findest du über einen Klick auf das Bild.

Zwei weiteren Gemüsen ging es nach FOODBARN-Manier an den Kragen: So röstete ich die „nicht vollständige“ – das war der Grund ihrer Unverkäuflichkeit – Knoblauchknolle nach dieser Anleitung. Dank des Knollenselleries durfte ich meiner idealisierten Vorstellung meiner Zeit in einer Waldorfschule frönen, die nie stattgefunden hat. Eine Kindheit voller Kreativität und dann kommt die Realität, nicht nur in meinem Leben, sondern auch im Rezept: Denn Waldorfsalat hat mal echt überhaupt gar nix mit Waldorfschule zu tun. Schade. Der Salat aus Sellerie, Äpfeln, Walnüssen und einem Joghurtdressing wurde vor über 100 Jahren im Hotel Waldorf in New York City erfunden. Dann idealisiere ich jetzt eben New York City: „If I can make it there. I’ll make it anywhere. It’s up to you. New York, New Yoooooooork!

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Bei diesem Anblick kann die Assoziationskette schonmal bis New York reichen. Oder wenigstens bis zu einem Klick auf das Bild, der dich zum Waldorf-Salat-Rezept führen wird.

Da die fünfte Kiste ja schon wie ein kleines Jubiläum ist, wird der Abschluss dieses Textes ein fulminanter werden. Denn es geht um ein Rezept, dass die Macht besitzt, mir unter die Arme zu greifen, mich auf meine Beine zu stellen, den restlichen Schlafsand aus meinen Augenwinkeln zu pusten und vielleicht sogar meine Mundwinkel anzuheben. Und dann gibt es so etwas wie ein lächelndes Ich und das ist morgens wirklich ein Zustand, an den musste ich mich erstmal gewöhnen.

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Für das Porridge gibt es kein direktes Rezept – Grundlage sind zarte Haferflocken, in irgendeiner Art aufgekocht und kombiniert, mit allem was das Herz begehrt. Dann kannst du nichts falsch machen.

Leider gibt es für dieses Glücksgefühle aufkochende Gericht nur ganz schlimme Namen, so unsexy, dass ich in der Hinführung einfach übertreiben musste. Es heißt: Haferschleim. Ein so denunzierender Name, dass ich mich an von Verunsicherung geprägten Tagen sogar zu Anglizismen hinreißen lasse. „Ich mache Porridge“ sage ich dann. Ja, das ist der heiße Scheiß der Frühstücks-Liga, Haferschleim! In Kombination mit allem, was einen Tag gar nicht schlecht werden lassen kann: Haferflocken und Chiasamen mit etwas gehackter Dattel oder Banane in Pflanzendrink oder Milch aufkochen und mit Apfelstückchen, Kokosblütenzucker und Zimt, gehackten Nüssen, Kakao-Nibs und, ganz wichtig! Cashewmus garnieren. Isn Träumchen.

Kistenkolumne
Foto: Gino Giove

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