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Es gibt Fernsehköche und es gibt Anthony Bourdain. Kantig, ungemütlich und dennoch irgendwie liebenswürdig. Anders als seine Scheinwerferkollegen kümmert sich Bourdain wenig um Konventionen oder goldene Regeln. In seinem neuen Kochbuch „Appetites“ gewährt er sehr persönliche Einblicke, lässt alle an seinen Lieblingsrezepten teilhaben – nervt aber auch ein bisschen mit latent gereiztem Unterton.

Text: Grischa Rodust
Fotos: Bobby Fisher

Was ist die Idee des Kochbuches?


Anthony Bourdain hat hier seine Lieblingsgerichte zusammengewürfelt. Es geht ihm nicht um innovative Rezepte oder Kochwunder, vielmehr soll alles einfach nachgekocht werden können, auch die Zutatenliste der meisten Rezepte sollte sich mit jedem mittelgroßen Supermarkt bewältigen lassen. Also eine Art Standardwerk, wobei die Ausgestaltung durchaus ungewöhnlich und sehenswert ist.

Was sind das für Rezepte?


Eine bunte Mischung aus Klassikern und Exoten. Bratkartoffeln, Lasagne oder Gulaschsuppe stehen hier in trauter Nachbarschaft zu Laksa aus Kuching, Budae Jjigae oder Poulet en vessie.

Anthony wer?

Bourdain. Anthony Bourdain. US-amerikanischer Bad Boy der Fernsehköche, Bestsellerautor und Vater einer Tochter. In dieser Reihenfolge. Außerdem Schöpfer des schönen Satzes: „Dein Körper ist kein Tempel, es ist ein Vergnügungspark. Genieße die Fahrt.“ 

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Der Meister bei der Arbeit / (c) Bobby Fisher

Und wie klingt das dann?

Sehr persönlich. Anthony Bourdain schreibt, wie er spricht und auch so, wie er in der Küche kommuniziert. Schimpfwörter? Kommen vor. Klare Kante? Immer. Beispiel gefällig: „Es mag ja lobenswerter Ehrgeiz sein, den besten Risotto der Welt zuzubereiten, doch es ist einen Scheißdreck wert, wenn Ihre Gäste mit knurrendem Magen am Tisch sitzen und sich langsam die Birne zukippen, während Sie eine gefühlte Ewigkeit Reis rühren.“

Wer sollte dieses Buch meiden ?

Alle, die Bourdain nicht mögen und/oder auch sonst nicht viel für die Nabelbeschau eines Starkoches übrighaben. Designpuristen sollte es ebenfalls schwerfallen, sich bei dem Layout voll auf die Rezepte zu konzentrieren. Und wie Bourdain schon in der Einleitung schreibt: „Wenn Sie einen Küchengott suchen, der Sie in das gelobte Land der nächsten Kreativitätsstufe bringen soll, dann suchen Sie woanders.“ 

Ist auch etwas fürs Auge dabei?

Zu jedem größeren Rezept gibt es ein bis zwei ansprechende Essensfotos. Kleinere Rezepte wie Rührei oder Kartoffelsalat müssen, nein, dürfen auch ohne Abbildung auskommen. Und noch etwas zu den Fotos: Sie sind, nun ja, eigenwillig. Da überrascht schon mal ein zähnefletschender Hund oder ein Wildschweinkopf den hungrigen Rezeptsucher. Rock `n’ Roll. 

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Ausgewählte Fotos aus Anthony Bourdains „Appetites“

 

Schwierigkeitsgrad der Rezepte?

Durchschnittlich. Von sehr einfach bis mittelschwer ist eigentlich alles dabei. Wobei sich dank ausführlicher Beschreibung eigentlich alles ohne Knoten im Kochlöffel bewältigen lässt.

Das beste Rezept?

Mutanten-Quesadillas mit Chorizo und Ente. Wunderbar geeignet für Gäste oder Großfamilien, leicht zu kochen und mit besonderem Twist (mexikanischer Chorizo). Yummie.

Drei Dinge, die man durch dieses Kochbuch erfährt

1. Wer Rib-Eye-Steak kauft, sollte nur eines aus dem Lendenende wählen. Es enthält weniger Bindegewebe.

2. Beim Club-Sandwich: Unbedingt die dritte Scheibe Toast weglassen.

3. „Egal, was Sie servieren, egal, wie wunderschön es angerichtet oder wie sensationell es garniert ist, wie exotisch im Geschmack oder wie teuer es ist – das, wonach alle geiern, worüber Ihre Gäste scharenweise herfallen werden, und zwar immer, sind diese gottverdammten Würstchen im Speckmantel aus der Tiefkühltruhe.“

Und die größte Überraschung?

Das Kapitel „Dessert“. Es umfasst genau zwei Seiten – auf denen Käse abgebildet ist und steht, warum es in dem Buch keine Dessertrezepte gibt. Passend dazu ist die Seite überschrieben mit dem Satz „Scheiß doch auf Dessert“. Das ist doch mal ein Statement.

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„Appetites“ überrascht mit ungewöhnlichen Motiven, die nicht jedermanns Sache sind.

Unser Urteil 

Innere Werte

Solide, handwerklich ohne Makel, so wie man es von Bourdain erwarten kann. 5 von 5 Punkten

Aussehen

Gewöhnungsbedürftig. Das Ganze schwankt zwischen hochwertig und Ramsch. Die Bilder sind allesamt klasse, das Typografiegewitter und die deutsche Übersetzung alles andere als harmonisch. 2 von 5 Punkten

Alltagstauglichkeit

Hoch. Es gibt zwar auch Rezepte mit etwas anspruchsvollerer Einkaufsliste und ein paar aufwändige Gerichte, die ordentlich Vorlaufzeit brauchen – in Summe kann man das Buch aber unkompliziert und spontan nutzen. 5 von 5 Punkten

GESAMTWERTUNG: 4 von 5 Punkten

Die nackten Fakten

Anzahl der Rezepte: 117
Autor: Anthony Bourdain
Umfang: 304 Seiten
Verlag: Riva
Sprache: Deutsch
Preis: 29,99 EUR (UVP)
Bezugsquelle: u.a. beim Verlag Riva

Drei Sätze zum Schluss

Ein Buch mit vielen bodenständigen Rezepten, im Aussehen etwas wirr und unkonventionell, aber auf jeden Fall bücherregaltauglich. Keine Offenbarung, wer jedoch auf der Suche nach einem Geschenk ist oder gerne ein eigenwilliges Gesamtkunstwerk besitzen möchte: go for it. Was ein wenig nervt, ist der latent gereizte Unterton Bourdains; das braucht eigentlich niemand, der mit Spaß und Experimentierfreude an den Töpfen zu Werke geht.

Weitere Kochbuch-Rezensionen findet ihr in unserer Reihe KÜCHENZEILEN.

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