Reportage: Kulinarischer Rundgang durch Venedig | FOODBARN
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Die schönste Stadt der Welt ist kulinarisch so vielfältig wie die Baustile ihrer Palazzi. Vom Bellini in der noblen Harry’s Bar bis zum Streetfood aus Porchetta oder Salsiccia: wir laden euch ein auf einen Spaziergang zu Kleinoden venezianischer Gastlichkeit.

Text: Jan Hoffmann

Der EuroCity nach Venedig ist bis auf den letzten Sitz ausgebucht. Reisende sitzen auf ihren Koffern oder stehen sich in den Gängen die Beine in den Bauch. Gottseidank gibt es Henry am Zug, die österreichische Version des Bordbistros. Die weißen Tischdecken erinnern an das goldene Zeitalter des Reisens, auf dem Tisch steht ein Ottakringer Helles mit leichtem Malzgeschmack. Draußen zieht die Kärntener Berglandschaft vorbei und der Patricia-Highsmith-Thriller auf dem Schoß trägt das Reiseziel im Titel: Venedig kann sehr kalt sein.

Es ist der Tip, den Venedigreisende von Generation zu Generation weitergeben: Weicht man von der üblichen touristischen Route ab, die vom Markusplatz zur Rialtobrücke führt, erwartet einen das andere Venedig. Ein Labyrinth aus Gässchen und Kanälen, Palazzi und Kirchen, Lichtern und Trattorien, in denen man selbst der einzige Tourist ist.

Auf solche Streifzüge sollte man sich nicht ohne ein Frühstück begeben, das der Venezianer am Liebsten im Stehen einnimmt. Zum Beispiel in der Bäckerei Hopera in der Via Garibaldi. Hier bekommt man hervorragendes Gebäck wie Sfogliatelle, eine zimtige Blätterteigtasche mit süßer Ricottafüllung. Dazu einen starken Espresso oder gleich eine Ombra, ein Gläschen Wein, nicht mehr als 100 ml ehrlichen Weiß- oder Rotweins (Pinot, Verduzzo oder Merlot, meist aus dem venezianischen Hinterland, der formaterra). Vorsicht an alle, die Venedig im Winter besuchen: Die Türen stehen hier zu jeder Jahreszeit offen, deshalb lohnt es sich erst gar nicht, die Daunenjacke auszuziehen.

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So gestärkt geht es über den Riva dei Setti Martiri zur nächsten Anlegestelle. Die Wolkendecke bricht auf. In der Ferne glänzt die Kuppel der Santa Maria Della Salute in der Sonne. Die Linie 1 bringt einen im Bummeltempo den Canale Grande hinauf. Wer die saftigen Preise für die Tickets (20 Euro für eine Tageskarte) lieber in sein leibliches Wohl investiert, der kann auch zu Fuß die Ponte dell’Accademia überqueren und an der berühmten Gemäldegalerie vorbei zum Campo S. Vio spazieren. Dort gibt es in unregelmäßigen Abständen einen Streetfood-Markt. Statt Vivaldi werden hier die Doors gespielt.

Ein schrecklicher Stilbruch könnte man meinen, wären da nicht die Porchetta-Sandwiches des Corner Pubs, einer subkulturellen Institution Venedigs. Porchetta ist Italiens beliebtestes Streetfood, ein mit Rosmarin und Fenchel gewürzter Rollbraten. Die tätowierten Jungs vom Corner Pub schneiden ihn hauchdünn, und servieren ihn zusammen mit gegrillter Aubergine und Hartkäse in einem Panino.

Nach der ersten warmen Mahlzeit des Tages lässt sich die Schlange vor dem Peggy-Guggenheim-Museum viel leichter ertragen. Wem nicht nach Anstehen ist, kann sich sofort auf den sonnigsten Spaziergang begeben, den die Stadt zu bieten hat. Er beginnt an der Maria della Salute, und es wäre ein wahres Sakrileg, den weißen Kuppelbau nicht zu betreten, wo sich Gemälde von Tizian und Tintoretto im feierlichen Kerzenlicht betrachten lassen.

Haben sich die Augen wieder an die Sonne gewöhnt, geht es an der Salute vorbei zum Punta della Dogana. Man umrundet die Spitze der Insel. Der Pier des Fondamenta Zatterre ist bis zum Nachmittag der sonnigste Punkt der Stadt. Der Blick öffnet sich zur Guidecca hin. Venezianer und Touristen genießen hier das Licht.

Es geht vorbei an der Pensione Seguso, einem Palazzo aus dem 18. Jahrhundert. Die Seguso ist einer der Schauplätze aus Venedig kann sehr kalt sein, mit dem Patricia Highsmith dem venezianischen Winter ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Und weil der deutsche Titel des Romans auch 50 Jahre danach nichts von seiner Gültigkeit verloren hat, wird es Zeit, erneut einzukehren. Zum Beispiel in der urigen Trattoria San Basilio.

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San Basilio ist ein typisch venezianisches Gasthaus mit einer schmalen Karte. Durch die Fenster sieht man auf das grünblaue Wasser der Lagune. Hier treffen sich die Bewohner des Viertels auf eine Ombra an der Bar oder ein ausgiebiges Mittagessen. Es gibt regionale Speisen wie Fegato Veneziano (Kalbsleber) und frische Meeresfrüchte. Wie in allen Trattorien wird erwartet, dass der Gast mindestens zwei Gänge bestellt. Wem das zu viel ist, der kann sich einfach auf einen Cappuccino oder eine Ombra an die Bar stellen, an der sich die Einheimischen zu einem kurzen Plausch treffen. Die Venezianer sind rastlos. Der sanfte Druck, den der Kellner beim Abräumen des letzten Gangs ausübt, sollte ihm deshalb nicht als Unhöflichkeit ausgelegt werden.

Im Urlaub ist nach dem Aperitif vor dem Aperitif. Venedig bietet dafür eine Fülle von Bars und Osterien. Wir fangen in der berühmtesten an: Harry’s Bar existiert seit 1931 und ist ein weiterer Schauplatz unserer Reiselektüre. Ein überschaubarer Raum hinter Milchglasfenstern. Vollbesetzte runde Tische. Herzstück ist der dunkle Tresen, neben dem die weißen Jacketts der Kellner umso heller leuchten. Jeder ihrer Handgriffe zeugt von einer langen Lehrzeit, sie arbeiten sich um die eng gedrängten mondänen Gäste an der Bar herum. Nirgendwo lässt man sich lieber herumschubsen als an diesem Tresen, an dem schon Ernest Hemingway und Truman Capote getrunken haben.

Man bestellt – wie fast alle hier – den Bellini, den Hauscocktail aus Prosecco und weißem Pfirsichmark. Er schmeckt nach dem Glamour vergangener Zeiten. Wie viel davon im Glas oder im Kopf entsteht, kann jeder für den stolzen Preis von 20 Euro selbst herausfinden. Harry’s Bar ist noch immer die erste Adresse der Stadt. Im zweiten Geschoss befindet sich ein Gourmetrestaurant, das von der Luxuskette Cipriani S.A. betrieben wird. Der Jetset trägt die Designerstücke, die man in den Schaufenstern rund um den Markusplatz bestaunen kann. Nichts könnte spannender sein, als den Reichen und Schönen dabei zuzusehen, wie sie gelangweilt an ihren Drinks nippen. Und wären die Bellini-Gläser größer, würden wir dem Sehen und Gesehen werden noch länger beiwohnen.

Das Café dei Frari gibt sich bodenständiger, aber nicht weniger klassisch aus. Von den grün gepolsterten Sitzbänken hat man einen romantischen Blick auf die Frari-Kirche.
Die Wände sind mit eingelassenen Gemälden verziert, die Motive aus dem 18. Jahrhundert zeigen. Man trinkt hauptsächlich Wein und Prosecco (biologischer Anbau von der fermaterra). Dazu werden Lachs-Bruschetta und andere Snacks gereicht. Trotz des stilvollen Ambientes ist die Atmosphäre locker, das Personal jung und auf eine angenehme Weise hip – hier bestellt man gerne noch ein zweites oder drittes Glas. An den Wochenenden spielen Pianisten oder Jazzbands. Im Frari könnte man den Tag ausklingen lassen oder sich vielleicht noch auf einen Abendspaziergang den Fondamenta Cannaregio hinauf begeben.

Hier findet man die Bigoleria Very Good, die neben hervorragendem Entenragout die vielleicht beste Pizza Venedigs macht. Nach dem Essen kann man am Rand des alten jüdischen Viertels den Sonnenuntergang über der Bahntrasse beobachten, die Venedig mit dem Festland verbindet.

Für den nächsten Tag ist Regen angekündigt. Aber keine Sorge: Venedig fasziniert auch im trübsten Wetter. Unser Katertipp: Das Porchetta-Sandwich gibt es auch mit Fenchel-Salsiccia, der italienischen Bratwurst.

Übrigens: Viele Gründe sprechen dafür, Venedig im Winter zu besuchen. In der kalten Jahreszeit ankern weniger dieselspeiende Kreuzfahrtschiffe in der Lagune, die ihre Schatten über Häuser und Plätze werfen und mit ihren Bugwellen das ohnehin schon bedrohte Fundament der Wasserstadt abtragen. Der Touristenstrom, der sich durch die Gassen rund um den Markusplatz schiebt, ist schmaler geworden. Und während Kälte und Nässe in deutschen Städten Winterdepressionen fördern, schaffen sie zwischen den Renaissance-Fassaden des Canale Grande eine poetische Atmosphäre, die an Filmklassiker wie Wenn die Gondeln Trauer tragen erinnert. Gute Reise!

In unserer Rubrik ENTDECKEN findet ihr weitere kulinarisch interessante Orte und Persönlichkeiten. Auf unserer Übersichtsseite findet ihr zudem KÖSTLICHE ITALIENISCHE REZEPTE.

Adressen:

Hopera Bakery
Via Giuseppe Garibaldi, 1386, 30122 Venezia VE, Italien

Corner Pub
Calle della Chiesa, 684, 30123 Venezia VE, Italien

Trattoria San Basilio
Sestiere Dorsoduro 1527/A/B | Calle del Vento, 30123 San Marco, Venezia VE, Italien

Harry’s Bar
Calle Vallaresso, 1323, 30124 San Marco, Venezia VE, Italien
10:30 – 23 Uhr

Caffè dei Frari
Calle del Scaleter, 2564, 30100 Venezia VE, Italien

Pizzeria Very Good
Fondamenta Cannaregio, 961, 30121 Venezia VE, Italien

Osteria Il Milion (Das älteste Restaurant Venedigs versteckt sich in einer verwinkelten Gasse in der Nähe der Rialto-Brücke. Gut ausgewählte Speisekarte, mittleres Preisniveau)
Corte Del Milion 5841, 30121 Venezia VE, Italien

Trattoria alla Madonna („Geheimtipp“ seit den 1950er Jahren. Zu Biennale-Zeiten speist hier der ein oder andere Filmstar. Berühmt für das Meeresfrüchterisotto. Preise gehoben)
Calle della Madonna, 594 San Polo Venezia, Italien

Caffé Florian (Eines der schönsten Kaffeehäuser der Welt direkt am Markusplatz. Hier verkehrten schon Honoré de Balzac oder Richard Wagner. Das Florian ist berüchtigt für seinen teuren Kaffee. Tipp: Wer sich an die Bar setzt, profitiert von günstigeren Preisen.)
Piazza San Marco, 57, 30124 Venezia VE, Italien

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