Islands kleinstes Restaurant | FOODBARN
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Das Óx: Viel mehr als nur das kleinste Restaurant Islands. Zumindest auch das geheimnisvollste. Warum? Das verrät uns unser Autor in seinem Artikel über einen kulinarischen Abend der ganz besonderen Art. Ein Geheimnis kann man aber an dieser Stelle schon einmal lüften: Ein Besuch bei Freyr Vigfusson und seinen Kollegen ist definitiv einmalig und gekocht wird hier nur auf ganz hohem Niveau.

Text: Marten Hahn

Fotos: ÓX

Ein Geschmack von kulinarischem Geheimbund liegt in der Luft. Wir, die wir hier zusammengekommen sind, kennen uns nicht. Wir wissen nur: Wir werden heute zusammen zu Abend essen. Eine scheue Begrüßung. Dann nehmen wir am Tresen Platz, der die kleine Küche umringt. Thrainn Freyr Vigfusson hat zu einer Art Generalprobe geladen. Elf Gäste sind der Einladung gefolgt. Damit ist ÓX, Islands kleinstes Restaurant, ausgebucht.
Vigfusson gehört zur kulinarischen Crème de la Crème Islands. Er hat weltweit Preise gewonnen und war Trainer des isländischen olympischen Kochteams – ja, das gibt es wirklich. Er hat in der berühmten Spa-Landschaft Blue Lagoon und in Reykjaviks Konzerthalle Harpa gekocht. Aber mit ÓX erfüllt er sich einen bisher unerreichten Traum.

„Die Idee ist zehn Jahre alt“, sagt er. Damals arbeitete Vifgusson noch als Koch in Fischerhütten, also Unterkünften für Angel-Touristen. Die Besucher schlafen und essen dort. Man verbringt viel Zeit zusammen. „Nach drei Tagen kennt man sich. Das habe ich in keinem der Restaurants, in denen ich danach gearbeitet habe, wieder so erlebt.“ Also entschloss sich Vigfusson, eines Tages ein kleines, ein winziges Restaurant zu eröffnen – als kulinarisches, aber auch als soziales Erlebnis. „Gleichzeitig durften die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. Es musste also mit nur einem Koch funktionieren.“

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Frischer Saibling und Karotten aus dem Norden – die Gerichte im Óx werden ansprechend in Szene gesetzt.

An diesem Abend stehen sie noch zu dritt in der Küche. Vigfusson kümmert sich um den Wein und zwei jüngere Kollegen ums Essen. Aber auch die Lage des Lokals hilft beim Wirtschaften: ÓX ist ein Restaurant im Restaurant im Herzen Reykjaviks. Wo genau, soll vorerst ein Geheimnis bleiben. Von der Straße aus ist nicht zu sehen, dass hier auf hohem Niveau Gäste bekocht werden. Wer über die Website bucht, erhält eine Bestätigung via Email und eine Woche vor dem Termin eine Wegbeschreibung.

Wir Gäste kommen schnell ins Gespräch an diesem Abend. Wo kommst du her? Was machst du? Wieso bist du hier? Dann serviert einer der zwei Jung-Köche den ersten Gang: Frittierte Topinambur, gefüllt mit einer Eiercreme und Forellen-Rogen. Dazu isländisches Brot mit Lamm und Kräuter-Aioli. Und Vigfusson macht klar: „Wenn etwas falsch läuft, redet mit meinen Kollegen. Wenn etwas gut läuft, sprecht mit mir.“ Alle lachen.

Wer im ÓX reserviert, muss den Köchen vertrauen. Eine Karte gibt es nicht. Wer Allergien hat, sagt vorher Bescheid. Ansonsten wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
Der nächste Bissen ist ein Gänseleber-Macaron mit Himbeermarmelade und Schaum aus Kichererbsen-Wasser. Erdig wie ein Champignon. Schwer und leicht zugleich. Großartig.

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Nicht nur optisch ein Genuss: Gans mit wilden Blaubeeren.

Die Portionen sind nicht groß, aber zahlreich. Insgesamt 13 Gänge werden an diesem Abend vor den Augen der Gäste zubereitet und aufgetischt. „Die DNA des Essens hier ist isländisch“, sagt Vigfusson. „Aber wir lassen uns da nicht in eine Schublade stecken.“ Heißt: Vigfusson und sein Team befördern traditionelle isländische Küche ins 21. Jahrhundert. Wer jetzt Angst vor Molekularküche bekommt, wird schnell besänftig: „Wir fliegen hier nicht in den Weltraum. Es wird keine Astronauten-Nahrung geben. Aber unterhaltsam soll es sein.“

Schnell wird klar: Das hier ist kein normaler Restaurantbesuch. Es ist eine zweieinhalbstündige Live-Kochshow. Eine Performance. Die Küche ist die Kulisse und sie hat ihre eigene Geschichte: Die Schränke stammen von Vigfussons Großvater. „Er hat die 1961 auf seiner Farm im Westen Islands gebaut, in Snaefelsnes.“ Bis in die frühen 90er wurden die Schränke dort noch genutzt. Dann wurde die Küche renoviert und Vigfusson lagerte die Schränke jahreland in einer Scheune. „Ich wusste schon immer, dass ich die mal brauchen würde.“

Der Wein fließt. Witze fliegen über den Thresen. Und die Köche verbreiten unangestrengt gute Laune ohne aus dem Tritt zu kommen. Ihre Bewegungen sind abgestimmt, erprobt. Die Zusammenarbeit gleicht einer Choreographie. Es ist zu eng hier für Chaos.

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In Islands kleinstem Restaurant werden auch eigenwillige Kreationen wie schwarze Knoblauchschokolade aufgetischt (links). Auf der rechten Seite seht ihr in Salz gebackenen Sellerie mit einer Kräuterglasur.

Wer sich als Koch gern in der Küche vor den Gästen versteckt, käme hier nicht weit. „Das ist wie bei einem Kochwettbewerb“, sagt Vigfusson später. „Man muss mit dem Druck klarkommen, ständig beobachtet und beurteilt zu werden – und trotzdem gesprächig und gut gelaunt sein.“
Günstig ist die kulinarische Performance nicht. Pro Person kostet der Abend um die 200 Euro. Aber Vigfusson trifft damit den Zeitgeist. Autos, Uhren, Handtaschen haben als Statussymbole ausgedient. Wer Geschmack beweisen will und es sich leisten kann, investiert heute in Handgemachtes und Erfahrungen, wie ein Abendessen im ÓX.

Wir Geheimbündler sind beim ersten von drei Desserts angekommen. Die Gespräche am Tresen drehen sich mittlerweile um Vulkanausbrüche, die Unlust der Isländer, Tische in Restaurants im Voraus zu buchen und warum in Island – mit seinen rund 300.000 Einwohnern – wirklich fast jeder jeden kennt.

Es wird viel gemeinsam gelacht und auch Persönliches erzählt. Und lange vor dem umwerfenden Dessertwein haben alle in Islands kleinstem Restaurant die Welt da draußen vergessen. Ein Geheimbund sind wir hier im ÓX jetzt nicht mehr. Es fühlt sich vielmehr so an, als wären wir von einem Freund nach Hause zum Essen eingeladen worden. Von einem Freund, der zufälligerweise ganz hervorragend kochen kann.

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Das Óx bietet eine gemütliche, intime Atmosphäre.

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