Wie ich mein Abendessen selbst erlegen wollte | FOODBARN
Foodbarn Logo
Foodbarn Logo

Wild aus Deutschland ist das bessere Bio, heißt es: Regional, antibiotikafrei und von glücklichen Tieren. Unsere Redakteurin Taria will sich das genauer ansehen. Sie begleitet eine Freundin auf der Jagd und lernt dabei viel über den Beruf des Jägers, Fleischkonsum und über sich selbst.

Text & Fotos: Taria Hocke

Es ist 5.50 Uhr morgens. Ich sitze auf einem Hochsitz in einem Wald, durch den ich gerade im Stockfinsteren still und leise auf Zehenspitzen und ein wenig gegruselt hinter Dörthe her geschlichen bin. Dörthe ist eine gute Freundin aus dem Nachbarort, 28 Jahre jung. Sie trägt Jagdkleidung und über der Schulter eine Büchse (so nennt man ein Gewehr mit Kugeln als Munition, im Gegensatz zu einer Flinte, die mit Schrot geladen wird). Um den Hals hat sie ein Fernglas gehängt. Wir schweigen. Neben dem frühen Aufstehen fällt mir das am schwersten. Aber wenn ich so laut und viel reden würde, wie ich es normalerweise tue, wäre das frühe Aufstehen ganz umsonst gewesen. Die Tiere hören nämlich jedes kleinste fremde Geräusch – auch meine Regenjacke sei eigentlich schon zu laut, erfahre ich. Also einmal den Mund halten in meinem Leben. So schwer es auch fällt. Der Nebel weicht langsam einem satten Grün. Hier und da fangen die ersten Vögelchen an zu zwitschern.

Wald
Der Nebel macht den Morgen auf dem Hochsitz nicht nur mystisch, sondern sorgt auch dafür, dass das Wild aus dem nassen Wald hervorkommt.

Wir sitzen in einem Gebiet, in dem nur Rotwild (Hirsche) und Schwarzwild (Wildschweine) geschossen werden dürfen. Auf Rehe zu schießen wird hier verzichtet, weil dadurch die Hirsche und Wildschweine vergrämt, also verscheucht würden, erklärt mir Dörthe. Ich bin froh. Im Voraus schon war mir etwas mulmig, bei dem Gedanken ein Reh zu erlegen – schon allein wegen Bambi. Nagut, ob mir das bei einem Hirsch leichter fallen würde, sei dahin gestellt.
Die Stille, das Schweigen, macht mich dösig. Da stupst mich meine Freundin plötzlich an. Auf der Lichtung tauchen eine Ricke (Rehmutter) und ihr Kitz (Rehkind) auf. Welch Ironie. Seit zwei Stunden warten wir nun schon, um unser Abendessen selbst zu  erlegen. Und dann kommen ausgerechnet zwei Tiere vorbei, die hier tabu sind. „So wie sie da jetzt stehen, könnte ich gut schießen. Sie stehen seitlich, sodass man sie mit einem Blattschuss erlegen kann. Durch das Zielen auf das Schulterblatt trifft man viele Organe gleichzeitig, weshalb das Tier schnell stirbt und somit nicht leidet. Außerdem passt der Winkel, um sicher zu gehen, dass die Kugel abgefangen wird und nicht weiter fliegt.“ Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Obwohl ich ja nur deswegen hier bin, fühle ich Erleichterung darüber, dass wir nicht schießen dürfen. Ich esse Fleisch. Auch gern. Und Wild finde ich besonders lecker.

Empfehlung aus der Küche:


Gerade erst vor ein paar Monaten habe ich mir vorgenommen, meinen Fleischkonsum auf gutes Fleisch von glücklichen Tieren zu reduzieren. Die Rehe im Wald gehören für mich dazu. Mehr noch vielleicht als das Rind auf der grünen Wiese, denn bis zum Zeitpunkt, ab dem sie zur Zielscheibe werden, sind sie freier und glücklicher als jedes Haustier, so denke ich.
Aber jetzt, wo die beiden da so friedlich vor sich hin äsen, wird mir erst klar, was ich da auf meinen Teller lade. „Der Grund, aus dem man jagt, ist vor allem dass es sonst zu viele Rehe, Wildschweine usw. gäbe. Hege nennt sich das. Aber klar, wir verwerten das geschossene Wild dann weiter zu Fleisch“, erklärt mir Dörthe. Ich frage mich, warum es sich der Mensch anmaßt, den Bestand von wilden Tieren zu regulieren. Kann das die Natur nicht selbst? „Das stimmt nicht so ganz“, werde ich korrigiert. „Wir haben den Tieren durch die Abholzung großer Waldflächen den Lebensraum genommen, nun ist der Platz zu klein für die große Population. Würde man den Bestand nicht reduzieren, würde das Wild jämmerlich verhungern. Darum schießen wir zum Beispiel im Winter sogar auf junge Frischlinge. Mit zu wenig Futter und bei zu großer Kälte würden die kleinen Wildschweine sterben. Und zwar einen ziemlich unschönen Tod.“

Fernglas
Mit einem Fernglas erkennt Dörthe, um was für ein Tier es sich genau handelt und ob sie es schießen darf.

Dörthe ist auf einem Bauernhof mit ein paar Rindern und Schweinen aufgewachsen. Besitzt selbst ein paar Pferde und ihren Hund Dodge. Sie kennt sich aus mit Tieren und hat sie gern. Wenn sie mit Fleisch kocht, dann nur solches, das sie selbst geschossen oder geschlachtet hat. Fisch kauft sie nur aus der Region. „Supermarktfleisch kommt für mich nicht in Frage.“ – Eine gute Einstellung, wie ich finde. Es ist wichtig, zu wissen woher das Fleisch kommt.

Empfehlung aus der Küche:


Und es ist eigentlich noch wichtiger, einmal gesehen zu haben, wie es erlegt wird – jedenfalls, wenn man Fleisch isst. Ich erinnere mich noch, wie früher die Schweinehälften am Traktor hängend vom Schlachter zum Bauernhof durch mein Dorf gefahren wurden. Ein ziemlich gewöhnlicher Anblick damals. Heute schaudert es mich bei dem Anblick. Dabei weiß ich: Wer Fleisch isst, muss das abkönnen. Denn Fleisch kommt nicht in Scheiben oder Stücken. Fleisch war vorher Tier. Es hat gelebt. Und das muss einem bewusst sein.

Kühe
Dörthe ist auf einem Bauernhof großgeworden, wo Schlachten zum Alltag gehörte. Gehalten werden die Rinder und Schweine hier aber nicht in engen Mastställen, sondern auf der grünen Wiese.

Seit sie 16 ist, hat Dörthe einen Jagdschein. Quasi eine Familientradition. Vielleicht eine Berufung. Und in jedem Fall auch ein Hobby. Das darf man aber nicht falsch verstehen. Wer jagen geht, denken viele Menschen, will einfach nur ballern und töten. Doch  hier auf dem Hochsitz verstehe ich endlich, was wirklich dahinter steckt. Es ist diese Verbundenheit mit der Natur. „Viel öfter sitze ich einfach nur hier, als dass ich wirklich etwas schieße.“ Zwei, drei Stunden verweilt man da inmitten der Natur und beobachtet, wie Flora und Fauna langsam erwachen. Leises Holzknacken und Vogelgezwitscher oder mal ein aus der Ferne bellendes Reh – das sind die einzigen Geräusche, die man hört. Ich bin ganz erleichtert, dass meine Freundin bei mir ist und ein geladenes Gewehr dabei hat. Hat sie denn gar keine Angst – so ganz allein, mitten im Wald, wenn es dunkel ist? „Nein, eigentlich nicht, aber ich gehe lieber in der Morgendämmerung, wenn es langsam hell wird, als in der Abenddämmerung, wo ich im Dunkeln zum Auto zurückkehre. Außerdem ist da die Chance, etwas zu jagen auch höher. Das ist sie übrigens auch, wenn es neblig ist und etwas geregnet hat. Denn dann kommen die Tiere lieber aus dem Wald auf die Lichtung.“

Hund auf Jagd
Ihren Hund Dodge hat Dörthe für die Jagd ausgebildet. Eingesetzt wird er allerdings nur bei der Treibjagd. Auf dem Hochsitz wäre er viel zu aufgeregt.

Ich merke, dass hinter dem Jagen ganz schön viel Wissen und Erfahrung steht. Nicht nur muss man sich auskennen mit Schonzeiten und Tierarten, sondern muss auch unzählige Regeln kennen. Eine davon erklärt mir Dörthe, als wir die zwei Rehe in der Lichtung sehen: Sind Ricke und Kitz (kein Bambi, sondern eines, das sich für Laien kaum vom ausgewachsenen Reh unterscheidet) zu zweit unterwegs, muss immer zuerst das Kitz geschossen werden. Der Grund: Würde nur die Mutter geschossen, so würde das Kitz womöglich allein zurückbleiben und ohne die Hilfe der Mutter verkommen. Das klingt so hart. Aber gleichzeitig auch fair, wenn man überlegt, dass für das meiste Fleisch im Einzelhandel extra Tiere gezüchtet, gemästet und leider auch häufig unter unschönen Bedingungen gehalten werden, bevor man sie schließlich schlachtet. Irgendwie fühlt sich das hier draußen alles echter an: Eben ‚Back to the roots‘. Zurück zu Jägern und Sammlern.
An diesem Tag bleiben wir tatsächlich Sammler. Denn außer den beiden Rehen kommt kein Tier mehr vorbei. Wir verlassen den Jägersitz: Ich erleichtert, Dörthe froh, mal wieder hier gewesen zu sein. „Auch das gehört zur Erfahrung. Wer denkt, man geht auf Jagd und kommt mit einem erlegten  Wildschwein zurück, der liegt falsch. Es muss schon Vieles passen, damit man wirklich mal etwas schießt!“

Im Garten
Nach der Jagd ernten wir Gemüse aus Dörthes Garten.

Wir spielen durch, wie es weiter gegangen wäre, wenn uns wirklich ein Wildschwein vor die Flinte gelaufen wäre. „Es wäre sehr laut gewesen. Das steht fest.“ Dann hätten wir das tote Schwein aufgebrochen und ausgenommen, erklärt Dörthe. Die Leber behält dabei der Jäger traditionell für sich, ihr schmeckt sie aber nicht. Dann hätten wir das Schwein zu ihren Eltern auf den Hof in einen Kühlraum gebracht, wo es mindestens ein paar Tage bis zu einer Woche aufgehängt ausbluten müsste, fährt sie fort. Mit meinem Vorhaben „Heute erlege ich mir mein Abendbrot“ wäre ich also spätestens an dieser Stelle gescheitert. Gut, dass Dörthe noch ein Stück Wildschwein in der Truhe hat. Ich darf noch einmal ein bequemer Fleischesser sein, der das Stück Fleisch schon fertig zubereitet vorgesetzt bekommt. Aber  immerhin weiß ich diesmal wirklich woher es kommt, wieso es geschossen wurde und dass es vorher glücklich gewesen sein muss. Dazu gibt es alles, was Dörthes heimischer Garten – von dem ein in die Stadt ausgewandertes Dorfkind nur träumen darf – so hergibt.

Das Resultat:
Wildschweinrücken an Kartoffel-Sellerie-Stampf und buntem Tomatensalat. Als Nachspeise: Zabaione mit karamellisierten Pfirsichen. Dazwischen naschen wir noch Wassermelone – ja, auch die haben wir frisch geerntet.

Ich beschließe wieder mit auf Jagd zu kommen. Jetzt möchte ich doch einmal erleben wie es ist, das eigene Essen selbst zu erlegen. Und wenn ich das nicht ertragen kann, muss ich mir wohl ernsthaft überlegen, zum Vegetarismus zu konvertieren.

Tomaten
Wenn Dörthe einmal nichts jagt, wird sie eben zur Sammlerin. Von verschiedensten Tomatensorten, über Kräuter bis hin zu Wasser- und Cantaloupemelonen – alles im eigenen Garten angebaut.

Zu finden unter

Darf's ein bisschen mehr sein?

Anzeigen