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Ein Londoner City Boy und Investmentbanker macht die Investition seines Lebens: Er geht seiner Leidenschaft nach und bloggt als The London Foodie über Kochen, Essen, Wein. Aus Passion wird Beruf: Er eröffnet Supper Clubs, schreibt sein erstes erfolgreiches Buch „Nikkei Cuisine“. Der Bankjob? Geschichte. Luiz Hara heißt der Mann und wir haben ihn in seiner Londoner Wohnung getroffen.

Text: Maren Aline Merken
Fotos: Marvin Schoenberg

Das kleine, typisch britische Reihenhäuschen, in dem Luiz Hara mit seinem Mann Gerald lebt, mutet ein wenig wie ein Museum an, wenn man durch die schmale Haustür tritt: Die Wände geschmückt mit außergewöhnlichen Kunstwerken, federnem Kopfschmuck aus aller Herren Länder, Spiegeln, Zeichnungen, Fotos. Geschmackvolle Einrichtungsstücke aus großen Designhäusern treffen auf kreative Einzelstücke mit Patina und mitten drin steht Luiz Hara, der Mann, mit dem ich verabredet bin.

Er bittet uns die schmale hölzerne Treppe hinunter und schon steht man im Zentrum seines Reiches: der Küche. Ein beeindruckender antiker Gasherd nimmt fast eine ganze Wand für sich ein. Mittig befindet sich eine rustikale Kücheninsel aus Nussbaum, dahinter reihen sich topmoderne Kühl- und Weinschränke aneinander. In Sichtweite steht ein robuster, schöner Tisch mit acht Sitzplätzen.

Luiz strahlt eine merkliche Ruhe aus und wirkt elegant, wie er in seiner echt ledernden Schürze am Herd lehnt. Nicht typisch Koch, aber Investmentbänker? Das auch nicht. Der Sohn italienisch-japanischer Eltern, in Brasilien geboren und aufgewachsen, kam mit 18 Jahren nach London. Dort arbeitete er drei Jahre lang in einem Hotel als Rezeptionist. „Das war wenig Geld, aber ich hab es irgendwie gern gemacht“, sagt er heute. „Viele unterschiedliche Leute, der Servicegedanke. Eine Zeit voller Erinnerungen.“

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Nach drei Jahren schrieb er sich an der Uni ein – für Italienisch. Weil er ein Zweitfach brauchte, wählte er Wirtschaft. Eine seiner Professorinnen merkte schnell, dass Luiz gut mit Zahlen umgehen konnte und ein echtes Verkaufstalent war. So kam er über Umwege ins Bankengeschäft. Sieben Jahre davon war er bei der Commerzbank angestellt. „Ich war ein guter Verkäufer. Zahlen lagen mir auch, aber ansonsten habe ich wenig an dem Job gemocht. Ich wollte kreativ sein“, sagt der Londoner Buchautor.

2011 kündigt er seinen sicheren und lukrativen Job, schon vorher hatte er bereits einen Blog gestartet. Auf The London Foodie schrieb er neben seinem trockenen Job bei der Bank über seine eigentliche Leidenschaft: Kochen, Essen, Wein. Das wollte er machen und nichts anderes. „2011 bin ich dann für sechs Monate nach Japan gegangen, habe in Küchen gelernt, Recherche betrieben.“ Zurück in London erwirbt er an der The Cordon Bleu Cooking School innerhalb eines Jahres das Zertifikat im Bereich French Cuisine/ Patisserie.

Dann geht es los. Luiz öffnet seine privaten Türen für seine heute bekannten und beliebten Supper Clubs. Für 50 Pfund bekocht er – teilweise mit Gastköchen – eine exklusive Anzahl an Gästen, Getränke dürfen selbst in der intimen Umgebung seiner Privatküche mitgebracht werden. Die Kochabende haben stets ein französisches Thema oder widmen sich der Nikkei Cuisine; der Fusionküche der japanischen Einwanderer, die ihr Know-How vorrangig mit den Küchengeheimnissen der südamerikanischen bzw. peruanischen Küche kombiniert haben. „Nikkei ist auch die Küche meiner Vorfahren, meiner Familie. Sie ist nicht nur interessant, sondern wirklich raffiniert und lecker.“

Das fand wohl auch ein Gast seines Supper Clubs und bot dem Foodie an, ein eigenes Kochbuch zu schreiben. Nikkei Cuisine kam 2015 auf den Markt und wurde mittlerweile in etliche Sprachen übersetzt. „Viele Rezepte hatte ich bereits, einige mussten neu entwickelt werden“, erzählt Luiz in seinem Haus nicht unweit des hippen Londoner Viertels Shoreditch. „Vor allem aber war ich in Südamerika unterwegs, habe mich mit Köchen getroffen, Rezepte ausprobiert, Gerichte echter Nikkei-Profis probiert und das Buch so vorangetrieben.“

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The London Foodie gibt es noch immer, auch wenn Luiz nicht mehr so oft dazu kommt das Blog zu befüllen. „Es war der Anfang von allem und ich bin unglaublich dankbar dafür. Ich habe so viele interessante Menschen und tolle Kollegen über The London Foodie kennengelernt“, sagt Luiz. „Auch bei den Supper Clubs hat mir das Blog unglaublich viel geholfen. Meine Abende waren immer voll und beliebt, unter anderem auch weil ich foodaffinen Menschen ein Begriff war.“

Den zweiten Karrierekick löst das erste eigene Buch und der Erfolg dessen aus, erklärt Luiz. Seit der Veröffentlichung 2015 bekommt er Einladungen, zum Beispiel Supper Clubs in Dubai zu organisieren, berät Gastronomen und Köchen weltweit, die Nikkei-Restaurants eröffnen wollen und hilft ihnen auch in Marketingfragen. „Es ist ein großes Problem unter Köchen: Da sind oftmals Könner bei, die ein außergewöhnliches Talent haben, aber einfach nicht das Know-How, sich zu vermarkten. Die arbeiten 14 Stunden in einem Restaurant, doch die Lorbeeren kassiert der Inhaber.“ Um diese Köche und Küchenchefs zu unterstützen, lädt Luiz regelmäßig Gastköche zu seinen Supper Clubs ein, die dann gemeinsam mit ihm den Abend gestalten. „Daraus sind tolle Dinge entstanden. Einige der ehemaligen Gastköche führen heute ihre eigenen, erfolgreichen Restaurants und haben sich einen echten Namen in der Gastroszene gemacht“, erklärt Luiz.

Und was kommt als Nächstes? Wenn man es geschafft hat, den Wandel vom Investmentbänker zum Koch, Autor und Foodinfluencer mit Bravour zu absolvieren? Luiz lacht verschmitzt. „Sagen wir mal so, das zweite Buch schreibt sich nicht von allein und ich bin ziemlich eingespannt gerade.“ 2018 soll das zweite Buch erscheinen. Das Thema sind asiatische Zutaten in nicht-asiatischen Küchen: Was zum Beispiel, wenn man ein Rezept mit Miso gekocht hat und nicht weiß wohin mit dem Rest? Wie bewahrt man japanische Zutaten auf und wo kann man sie einfach integrieren? „Das Buch ist deutlich mehr Arbeit als das Letzte, weil es jede Menge Recherche bedeutet und auch ganz neue Rezepte kreiert werden müssen. Aktuell teile ich meine Zeit in Kreation und Aktion ein. Das ist manchmal gar nicht so leicht.“

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In seiner Küche mit Esszimmer, die an eine kleine Terrasse grenzt, befindet sich seine Kochbuchsammlung. Die Bücher, versehen mit Post-Its und Notizen, wirken wie fast wie dekorative Kunstwerke. Traditionelle französischen Kochbücher schmiegen sich an Hardcover-Booklets zum Thema Poke, mexikanisches Streetfood gesellt sich zu Thai-Rezepten und mittendrin jede Menge handschriftliche Notizen und ein blinkendes MacBook mit den ersten Strukturen des neuen Buches.

Bei der Übersättigung an Foodideen, Inspirationen und Kochtrends, die man als essensaffiner Mensch heutzutage schon mal empfinden kann, frage ich mich, ob es eigentlich noch Trends gibt, die Luiz begeistern können. Kann seine Heimatstadt London ihn noch überraschen? Luiz lacht. „Es ist ein bisschen wie in der Mode: Das Auge gewöhnt sich, der Gaumen gewöhnt sich. Aber es gibt immer wieder Neues oder etwas Altes neu interpretiert“, erklärt er. „Die Leute werden neugieriger, sind mittlerweile Exotik gewohnt. Thailändische Essen ist eine Selbstverständlichkeit, japanisches Essen auch. Aber was ist mit den Philippinen? Als schlechte Küche verschrien, mausert sie sich gerade und begeistert mit unglaublichen Geschmacksnoten. Auch die eher spezielle Shanghai-Cuisine ist in den Fokus gerückt.“ Das schreiben wir uns hinter die Ohren. Und sind gespannt auf das neue Buch von Luiz Hara.

Weitere interessante Persönlichkeiten findet ihr in unserer Reihe TASTEMAKER.

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