Tastemaker: Kristiane Kegelmann schafft essbare Kunst | FOODBARN
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Sie war schon Konditormeisterin und leitete eine Abteilung beim legendären Demel in Wien, als sich Kristiane Kegelmann zum Richtungswechsel entschied: Skulpturen statt Torten, Beton statt Buttercreme. Ganz ließ sie der alte Beruf aber doch nicht los. Denn ihre Werke darf man nicht nur anfassen, sondern sogar schmecken. Eine Begegnung.

Text: Katharina James
Bilder: Pujan Shakupa und Steffen Sinzinger

Fast wäre man hineingelaufen, in die elegant geschwungenen, mit Stäben verbundenen Metallflächen, die in satten Farben schillern. Beim NEU-Dinner, einem Pop-Up mit vierhändig kreiertem Menü der Spitzenköche Dylan Watson-Brawn (Ernst, Berlin) und Nicolai Norregaard (Kadeau, Kopenhagen), steht die Skulptur „Die Windung“ ausgerechnet zwischen Treppe und Panorama-Fenster. Im letzten Moment noch ausgewichen – ein Glück! Eine Kollision hätte das Kunstwerk zerstört, das zugleich das Dessert für 72 Gäste ist.

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Eine Skulptur zum Dessert: Alle farbigen Flächen auf dem Werk „Die Windung“ sind essbar

Denn Kristiane Kegelmanns Skulpturen darf man nicht nur anfassen, sondern sogar abfressen. Die junge Bildhauerin aus Berlin arbeitet essbare Materialien in ihre Werke ein: Schokolade, Pürees von Obst und Gemüse, Butter, Gelee, kombiniert zu Beton, Stahl, Glas. Weich trifft auf hart, Farbe auf Grau. Das Diktum vom Auge, das mitisst, dreht sich quasi um: Die Zunge sieht mit. Oder wie die Künstlerin es ausdrückt: „Der Betrachter wird Teilnehmer meiner Arbeit – er gestaltet sie mit, indem er davon etwas wegnimmt, die Wahrnehmung wird um eine sinnliche Dimension erweitert“.

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Mit Holzstäbchen machen sich die Genießer über die essbare Kunst her

An jenem Abend in Berlin-Treptow schmeckt die Kunst nach Schokolade, Nüssen und Roter Bete, dazu nippen die Gäste einen Ron Zacapa XO, einen Blend aus verschiedenen, unterschiedlich lange gereiften Rums. Der Hersteller des Premium-Getränks hatte die Skulptur in Auftrag gegeben, Formen, Farben, Geschmack und Drink sollen einander ergänzen.

„Zu Rum passt alles, was warm schmeckt, weich und erdig.“ Als gelernte Konditormeisterin kann Kristiane Kegelmann solche Kombinationen quasi aus dem Ärmel schütteln. In ihrem alten Metier hat sie in Salzburg, Sydney und Wien gearbeitet. Zuletzt kreierte sie bei dem Traditionskonditor Demel Hochzeitstorten im Wert eines Kleinwagens. In einem Bildhauerkurs wurde ihr klar, dass sie ihre Zukunft als Künstlerin sah: „Ich habe gemerkt, dass ich etwas schaffen will, das mehr befriedigt als das Haben-Wollen.“

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Kristiane Kegelmann bei der Präsentation ihrer Dessert-Skulptur „Die Windung“

Zu Beginn ihrer Berliner Zeit schuf Kegelmann dennoch immer wieder mal Süßes –zum Beispiel Pralinen, die aussahen wie aus Beton. Inzwischen löst sie sich zunehmend davon: „Es ist mir nicht unbedingt wichtig, dass es im klassischen Sinn lecker schmeckt. Nicht, dass es schlecht schmecken soll. Aber es soll überraschen, die Geschmackssinne herausfordern.“ Das kann dann auch einmal Wassermochi sein, ein japanisches Dessert auf Basis von Aga-Aga und Wasser, das auf einer Installation aus Glas und Acryl langsam zerschmilzt. Oder Margarine, die in eine Betonoberfläche einsickert und damit ein Muster schafft, auf das die Künstlerin nur eingeschränkt Einfluss hat. Kegelmanns Konzept der essbaren Kunst geht auf: Firmen, aber auch Sammler wollen die Installationen und Skulpturen haben. Das Happening, wenn die Auflagen verzehrt werden, trägt zur Faszination bei. Deshalb bietet die Künstlerin Sammlern auch an, die Skulpturen zu bestimmten Anlässen noch einmal frisch zu „befüllen“. Danach aber muss das abgegessene Werk für sich stehen.

Das Dilemma vieler Freizeitköche – stundenlange Arbeit am Herd oder Ofen verschwindet innerhalb von Minuten in den gierigen Mündern – kennt sie nicht. Im Gegenteil: „Alles ist vergänglich. Dass meine Arbeiten nur ein einziges Mal genau so erlebt werden können, macht das einfach etwas bewusster. Aber dafür bleibt das Erlebnis dann umso stärker in der Erinnerung“.

In unserer Rubrik ENTDECKEN findet ihr weitere kulinarisch interessante Orte und Persönlichkeiten. 

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