Tastemaker: Interview mit Biersommelière Sophia Wenzel (Hamburg) | FOODBARN
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Sophia Wenzel (29) aus Hamburg ist Sommelière – allerdings nicht für Wein, sondern für Bier. Ein eher ungewöhnlicher und seltener Beruf. Aber es gibt ihn. Wie Sophia dazu kam, welchen Facetten ihr Beruf bietet und wie man immer das passende Bier findet, hat sie uns am Rande des Hopfenmahls bei der Berlin Food Week verraten.

Interview: Carlos de Brito
Fotos (Sophia): Michèl Passin
Fotos (Hopfenmahl): Carlos de Brito

Sophia, wie bist du zu deinem Beruf gekommen?

2011 habe ich angefangen, mich näher mit dem Thema Craft Beer zu beschäftigen. Ursprünglich komme ich aus der Gastronomie und habe klassisch Restaurantfachfrau gelernt. Nach der Ausbildung habe ich bei Tim Mälzer in der damals neu eröffneten Bullerei gearbeitet. Nach ungefähr drei Jahren kam die Überlegung: „Ok, wir wollen etwas Neues, wir wollen uns weiter entwickeln.“

Aber das Thema Bier war bis dahin sehr klassisch, sehr traditionell besetzt, nach dem Motto „Dirndl, Maß und Oktoberfest“ (lacht). Das wollten wir brechen, indem wir auf die Craft Beer-Bewegung, die es zum Beispiel schon in den USA oder in England oder auch in Dänemark gab, geschaut haben. Was es da für eine Vielfalt an Bieren gibt, die krass und crazy aussehen und krasse Geschmäcker haben! Deutschland hatte zu dem Zeitpunkt halt noch gar nichts.

Das heißt, ihr bzw. du musstest ganz von vorne beginnen?

Genau. Da stand zunächst mal die Frage im Raum: Wie und woher kriegt man überhaupt ein gewisses Wissen und wie können wir es dem Gast und dem Personal vermitteln? Eine ganz gute Möglichkeit haben wir in der Doemens Akademie gefunden, in Gräfelfing bei München. Dort kann man eine Ausbildung zum Diplom-Bier-Sommelier machen. Man macht einen Kurs und wird dann geprüft, ganz feierlich und staatlich. Man braut selber Bier und darf sich dann Bier-Sommelier nennen. Und so war ich mit dem Beginn der Craft-Beer-Bewegung mit dabei und habe viel mit solchen Bieren gearbeitet.

Anfangs war es so, dass es noch gar keine Brauereien gab, die schon lieferfähig, also gelistet waren. Das heißt, wir haben den Brauer wirklich angerufen und gefragt: „Bringst du uns ein Bier mit, wenn du oder deine Tante oder so hochfährt [nach Hamburg, Anm. d. Red.]?“.

Wie müssen wir uns die Craft-Beer-Szene in Deutschland vorstellen?

Es gibt in Deutschland einmal dieses Traditional Craft, also die Brauereien, die seit Jahrhunderten, seit zehn Generationen Bier brauen und da schon immer den Fokus auf Regionalität und Saisonalität haben. Das ist ein ganz großes Thema beim Craft Beer. Da kommt auch der Name her. „Craft“ heißt ja handwerklich gebraut, aber auch vielfältig. Das steht ein bisschen im Zusammenhang mit der ganzen Slow-Food-Bewegung, auch in Deutschland.

Zusätzlich gibt es die Modern-Craft-Bewegung, also diese kleinen, neuen Brauereien, die aus dem Boden sprießen. Plötzlich wird in jedem Hinterhof gebraut. Das ist die neue deutsche Brauwelt, die entstanden ist.

Sophia Wenzel Bierauswahl Foodbarn
Sophia Wenzel und ihre Bierauswahl für das Hopfenmahl bei der Berlin Food Week

Zurück zu deinem Berufsfeld. Bier-Sommelière zu sein – was beinhaltet das?

Mein Berufsfeld beinhaltet eigentlich eine relativ große Bandbreite zum Thema Bier. Ich kaufe Bier zum Beispiel für Onlineshops ein. Dazu wähle ich Biere gezielt aus, beschreibe sie, erkläre was dazu und versuche, sie zu verkaufen. Der Job beinhaltet aber auch, Schulungen zu geben und Leuten das Thema von Grund auf zu erklären. Grundsätzlich müssen ja noch ganz viele Leute darüber informiert werden: Was ist eigentlich Bier? Was ist mit dem Reinheitsgebot? Was sind das für Bierstile? Diesen riesigen Informationsberg versuche ich – in möglichst feinen Häppchen – einfach zu vermitteln. Dann darf ich ein paar Sachen für das Craft Beer Magazin schreiben, ein paar Biere beschreiben oder neue Biere aussuchen.

Zusätzlich gibt es den Bereich Events. Ich gehe auf Messen, zum Beispiel für einen Glashersteller. Dort erkläre ich dann den Brauern, welches Bierglas besser für welchen Bierstil ist. Es gibt Unterschiede, wie deine Zunge mit welchem Glas reagiert: Hat das eine große Oberfläche? Hat das einen offenen Mundrand oder nicht? Ich kümmere mich auch um Verkostungen in allen möglichen Variationen oder wie hier [beim Hopfenmal im Rahmen der Berlin Food Week, Anm. d. Red.] heute: Bier ganz bewusst zu bestimmten Essen auszuwählen. Das ist eigentlich das, wo ich persönlich gerne hin will; dass mehr High-End-Cuisine mit wirklich hochwertigen Bieren kombiniert und auch getrunken wird. Ich mein, man geht in einen Zwei-Sterne-Laden und dann steht da so ein TV-Bier am Zapfhahn! Das passt für mich nicht zusammen. Das ist unlogisch und inkonsequent.

Das kann ich gut verstehen (lacht). Wo du gerade schon bei der Dicke des Glases und den ganzen Details bist – den Beruf des Weinsommeliers kennt wahrscheinlich jeder. Dass es Biersommeliers gibt, ist wahrscheinlich für viele erst mal unbekannt, obwohl Deutschland ja ein Biertrinkerland ist. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und worin unterscheiden sich Bier- und Weinsommelier ganz klar?

Klar, wir unterscheiden uns beim Fachgebiet. Das eine ist Wein, das andere ist Bier. Ansonsten ist der Biersommelier jemand, der grundsätzlich sehr produktverliebt ist, der sich Gedanken macht und auch rausfindet, wo das Produkt herkommt, was drin ist. Wie beim Wein auch: Wie war das Jahr? Wie war die Ernte? Wie sieht die Branche im Allgemeinen aus? Es gibt also sehr viele Parallelen. Es gibt auch sehr viele Weinsommeliers, die sich sehr gut mit Bier auskennen. Andersrum kann man als Biersommelière auch ein bisschen über Wein erzählen. Weil Nase und Mund entsprechend geschult sind und unsere Gehirne gelernt haben, diese Gerüche wiederzuerkennen. Wir können es beschreiben, wir können es formulieren. Und obwohl beim Bier das Spektrum geschmacklich ein bisschen anders ist als beim Wein, sind das tendenziell sehr ähnliche Berufe.

„Anders“ heißt in dem Fall eingeschränkter oder umfassender?

Teilweise wirklich umfassender, weil wir auch sehr viele bittere Aromen dabei haben. Wir haben viele Röstaromen, Schokolade, Malz, saure Noten, alle Früchte natürlich, aber auch harzige, herbe Sachen. Es gibt teilweise ganz krasse Biere, die mit wilden Brettern und bestimmten Hefearten vergoren sind und die schmecken dann eben nach nassem Pferd oder Aspirin. Diese Geschmacksnoten möchte der Weinsommelier eigentlich nicht drin haben, weil er dann sagt: „Der Wein ist schlecht.“ Ich würde also behaupten, dass das Spektrum weiter ist, aber darüber lässt sich natürlich auch streiten. Beim Wein sind die Aromen vielleicht ein bisschen feiner, da geht es wirklich um minimale Nuancen. Beim Bier ist es etwas gröber.

Um ein Bier zu beurteilen – als Laie würden einem zunächst der Geschmack, die Farbe, vielleicht noch die Schaumkrone des Bieres einfallen: nach welchen Kriterien beurteilst du ein Bier?

Beim Bierverkosten fängt man natürlich mit der Optik an: Ist es ein klares Bier oder ist es trübes Bier? Ist es trüb, ist das ein Indiz dafür, dass es eine gewisse Qualität hat, weil dort die Hefe nicht rausgefiltert wurde. Bei diesen klassischen Pilsbieren – Fernsehbiere, wie ich sie immer ganz gerne nenne – wird alles rausgefiltert, damit es schön klar aussieht. Dazu werden auch Plastikpartikel genommen, die nach dem Reinheitsgebot auch erlaubt sind – aber das ist jetzt ein anderes Thema (lacht). Alles Prozesse, um das Bier für den Verbraucher schön aussehen zu lassen. Man filtert aber ganz viel Geschmack mit raus, ganz viele wichtige Sachen, die einfach so toll sind, wenn man sie im Bier belässt – das ist echt schade.

Dann klar, Schaum. Kann man sich anschauen. Finde ich persönlich nicht so wichtig, weil der Schaum die Nase behindert. Wenn das Bier ins Glas eingeschenkt wurde und Sauerstoff darauf trifft, dann entfaltet sich das Aroma und man kann alles gut riechen. Wenn aber Schaum da ist, dann blockiert er das. Das heißt: Schaum ist nicht so wichtig.

Der zweite Punkt ist das Riechen, die Nase: Was für Aromen sind da drin? Riecht man Fruchtiges ? Gerade bei Pale Ales, aber auch bei vielen dunklen Bieren – je nachdem was für ein Hopfen drin ist – sind ganz tolle Fruchtaromen und harzige Noten dabei. Man in kann in einem guten Bier ganz viel erriechen.

Und dann der Geschmack. Man schaut also ein bisschen auf die die Reszenz. Hat das viel Kohlensäure oder ist es eher spritzig? Wenn es ein Porter ist, die teilweise für acht, neun Monate im Fass gelagert wurden, hat das natürlich kaum noch Kohlensäure. Das trinkt man dann auf einer höheren Temperatur. Man schaut außerdem: Ist das rund, ist das ausgeglichen? Es gibt Biere, die sind sehr ausgeglichen und „easy-to-drink“, wie man sagt, die kann man wirklich literweise trinken. Und es gibt Biere, die sind superextrem, superherb und superbitter, bei denen Leute dann sagen: „Wow, jetzt brauche ich erst mal eine kurze Pause!“

Interessant, dass du sagst, der Schaum wäre nicht so wichtig – gerade in Deutschland würde man sagen: „Das ist schlecht gezapftes Bier, da fehlt die Schaumkrone.“ Geht man in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher konservativ ans Bier, nach dem Motto: „Ein Bier muss so und so aussehen, alles andere ist Plörre“?

Absolut. Es ist ein negativer Punkt, dass man es in Deutschland so gewohnt ist oder besser: es immer so präsentiert bekommen hat, wie ein richtiges Bier auszusehen hat. Nämlich klar und mit einer riesigen Schaumkrone! In keinem anderen Land der Welt ist Bierschaum überhaupt ein Thema oder überhaupt so wichtig (lacht). Aber für uns gehört es zur Ästhetik und ich würde behaupten, dass es zu unserem kulturellen Erbe gehört. Deshalb muss man an das Thema auch mit etwas Vorsicht rangehen. Ich versuche es immer über den einfachen Weg  mit der Nase und dem Riechen zu erklären, aber es gehört für viele Deutsche einfach dazu.

Wenn wir schon mal bei Deutschland sind: das beste Bier der Welt kommt aus Bayern. Richtig oder falsch?

Jein, es kann gut sein, dass das beste Bier aus Bayern kommt. Es gibt einige sehr gute Brauereien im Süden. Von Ayinger gibt es das Celebrator, das ist ein dunkler Doppelbock, der schmeckt wie Mon Cheri, aber ganz smooth. Das wird regelmäßig unter die besten Biere der Welt gewählt, zum Beispiel bei RateBeer. Das ist eine Onlineplattform, die kürzlich leider von einem großen Bierkonzern gekauft wurde, vorher war das immer unabhängig. Für Weine gibt es Parker und wir haben RateBeer. Dort jedenfalls bekommt dieses Bier dann satte 99 Punkte.

Aber es kommen nicht nur sehr gute Biere aus Bayern und Deutschland. Vor allen Dingen gibt es viel deutsche Brautechnik und –wissen. Das ist international immer noch ein großer Punkt. Hefe, Schwämme, etc.. Wenn ich auf den Messen in den USA bin, heißt es immer: „Wow, aus Deutschland, ihr habt doch jetzt den und den Boden für die und die Brauerei entwickelt, wir brauchen das unbedingt auch!“

Hast du ein persönliches Lieblingsbier? Muss auch nicht aus Bayern sein.

Lieblingsbier ist bei mir immer so eine schwierige Sache, ich will mich einfach nicht entscheiden und festlegen. Das ist stimmungs- und saisonabhängig. Bier oder Craft Beer ist ja eigentlich ein super saisonales Produkt. Das ist vielen gar nicht so bewusst, weil man denkt: „ Pils, das gibt es doch ganzjährig!“ Aber früher war zum Beispiel im Sommer das Brauen verboten. Nur deswegen ist die Tradition des Oktoberfests überhaupt erst entstanden. Ursprünglich wurde dort auch Märze getrunken und kein Pils oder Helles. Im Winter gab es dunkle Biere, die ein bisschen kräftiger sind. Der höhere Alkoholgehalt passt auch saisonaler in die Küche.

Es gibt auch die Bockbierzeit, das ist in einigen Regionen eine fünfte Jahreszeit. (lacht) Deswegen wechselt mein Lieblingsbier auch mit den Jahreszeiten: Was auf den Teller kommt und wie meine Laune ist. Will ich etwas trinken, was neun oder zehn Prozent Alkohol hat oder sage ich: ‚Heute mal ganz easy, ein Witbier mit 4,5% oder so ein Frucht Lambic, das passt. Denn heute hab ich noch was vor und will noch gerade laufen möchte (lacht). Ich bin also überhaupt nicht festgelegt.

Was für nationale und internationale Trends beobachtest du beim Bier?

Abgesehen von Craft Beers ist die Hefe ein ganz wichtiger Punkt. Man kennt ja vielleicht Pale Ales, das sind eher hopfenbetonte Biere, aber es gibt auch hefespezifischen Biere: Traditionell ist das zum Beispiel in Leipzig die Gose, die dort aus dem kleinen Flüsschen Gose entstanden ist. Oder in Berlin die Berliner Weise. Das wird jetzt wieder beliebter; ein Bier, das ja fast vergessen wurde. Und die Dänen, To Øl, Mikkeller – die machen ganz krasse Sachen mit der Hefe. Das entwickelt übertriebene Aromen, oft auch in Sauerbier rein, das ist in den USA ein Megatrend.

Auch deutsches Weizenbier ist in den USA ein Trend. Und natürlich Dosenbier – das Comeback des Dosenbiers. Auch in Deutschland. Ich bin großer Fan, weil die Dose den Vorteil hat, dass sie absolut lichtundurchlässig ist, sehr schnell durchkühlt und relativ leicht ist. Einfach mal ein paar Kilo weniger, wenn man Bier liefert. Außerdem ist Bier ein empfindliches Produkt, was Sauerstoff und Licht betrifft. Es kann sich sehr schnell verändern und gerade bei Craft Beer – das unpasteurisiert, nicht so stark behandelt ist und nur noch eine begrenzte Haltbarkeit hat – ist so eine Dose wirklich von Vorteil.

Sophia Wenzel Moderation Berlin Food Week
Sophia Wenzel führt als Gastgeberin durch den Hopfenmahl-Abend und erklärt die Gerichte und passenden Biere in all ihren Facetten.

Ab dem wievielten Bier ist bei dir eigentlich Schluss?

Das kommt drauf an, wie gut ich im Training bin (lacht). Ob ich das Bier jedes Mal austrinke, wie viel Prozent das hat, wie groß die Flasche ist – und was ich vorher gegessen habe. Also ich kann schon ganz gut trinken, aber ich habe natürlich auch die klassischen Tricks wie jeder andere: Vorher fettig essen. Auf einer Biermesse zum Beispiel, wirst du am vierten Tag auch nicht mehr so richtig betrunken, das geht dann eher auf die Leber, dann schwillt schon der Hals an (lacht). Aber ich bin schon recht trinkfest. Bin ja auch relativ groß (lacht).

Wenn wir schon bei den Trinktricks sind, wie geht der Spruch nochmal… „Bier auf Wein, das lass sein und Wein auf Bier, das rate ich dir!“ oder anders herum?

Ich dachte, jetzt sagst du: „Kopf in Nacken, nicht lang schnacken.“ (lacht) Das ist mein Trinkspruch. Zu deinem Spruch kann ich sagen, dass es immer ein bisschen auf den Wein und das Bier ankommt. Verantwortlich für Kopfschmerzen sind ja eigentlich die Ethanole und Alkohole in den Bieren. Ein Bier, das sechs Wochen gelagert ist und bei dem sich ganzen „negativen“ Alkohole schon biochemisch in etwas Gutes umgewandelt haben oder ein Wein, der jetzt nicht allzu sehr geschwefelt ist, bei solchen Getränken kannst du dann auch alles gemischt trinken. Das ist, glaube ich, aber auch immer eine Sache der Anfälligkeit. Ich trinke zum Beispiel super gern ganz viel Wasser dazu, ganz automatisch, weil ich dann immer Durst bekomme. Das hilft grundsätzlich gegen Kopfschmerzen. Ich würde auf den Spruch nicht so viel geben.

Man sagt ja auch, es gäbe Weintrinker oder Biertrinker – du trinkst auch schon mal Wein, oder?

Ich trinke selbstverständlich gern Wein, also schon allein aus dem Grund, dass man bei Freunden eingeladen wird, die sich Mühe geben und den passenden Wein zum Essen aussuchen. Oder wenn man mit mehreren Leuten ausgeht und sich mal eine Flasche Wein bestellt, klar trinke ich dann auch mal einen Wein. Abgesehen davon gibt es auch nicht immer ein vernünftiges Bier. Ich trinke aber auch gerne mal einen geilen Cocktail oder einen schönen Wodka, so klassisch eine skinny bitch, wenn man dann doch mal richtig feiern geht.

Ist Bier und Braukunst im Jahre 2017 eigentlich immer noch eine Männerdomäne? Was passiert, wenn du als Frau eine Brauerei betrittst?

Inzwischen ist es relativ entspannt. Gerade im Craft-Beer-Bereich sind ja alle total offen und easy. Es ist eigentlich kein Thema. Am Anfang hatte ich das Problem, dass man einfach nicht ernst genommen wird. Kein Mensch kennt dich, da kommt so eine daher und will jetzt was über Bier erzählen oder irgendwas wissen. Man hat mich vielleicht aus Höflichkeit beraten, aber tendenziell sehe ich mittlerweile kein so ein großes Problem drin. Natürlich ist das Thema sehr Männer-lastig, das liegt aber an der Tradition. Nach dem Motto „Bier-Fußball-Saufen-yeah-geil“ und die Mädels sagen so: „Och nee, lass den mal mit seinen Jungs auf das Bierfestival gehen.“ Es ist so ein bisschen wie dieses „Frauen tragen gerne rosa und Männer kriegen gern einen Fußball geschenkt.“ Dadurch ist es noch etwas ungleich verteilt, obwohl Frauen eigentlich super gern Bier trinken, viel experimentierfreudiger sind und viel mehr ausprobieren. Ich würde da jetzt nichts beschreien. Es gibt einige tolle Frauen in der Szene.

Die „Bier-Sommelier-Szene“ in Deutschland ist noch recht überschaubar, oder?

Sie ist noch überschaubar. Die Biersommeliers treffen sich geradezu klassisch in Österreich beim Jahresverband der Biersommeliers. Ich muss zugeben, ich schwänze das immer und hab mich da auch nie offiziell eintragen lassen. Ich wurde zwar eingetragen mit meinen Fachkollegen – Nicht falsch verstehen: ich hab euch alle lieb! – aber das ist mir zu traditionell. Ich möchte gerne neue und coole Sachen rausfinden und mich nicht in der Tradition verankern; auch wenn ich sie gern mitnehme, denn ich weiß, sie gehört dazu. Ansonsten ist die „Bier-Sommelier-Szene“ in Deutschland klein. Sie wird aber immer größer. Man kennt sich natürlich untereinander, also gerade die Craft-Brauer.

Hopfenmahl Menü Teil 1 Berlin Food Week
Amuse Geule, Gang 1 und 2 (v.l.n.r): Hamachi, Auster, Küstengemüse von Thomas Brandt (Opus V), dazu Badisch Gose (Bauerei Weide) / Kürbis, Herbstpilze, Röstmalz, Baltic Porter von Ben Pommer (BRLO), dazu Robustus 6 (Brauerei Riegele) / Spitzkohl, Lauch, Sauerkraut, Sambal von Arne Anker (Pauly Saal), dazu Palim Palim (Brauerei Überquell)

Zum heutigen Abend: Du hast die Biere in Abstimmung mit den sechs Köchen ausgesucht. Was erwartet die Gäste beim Hopfenmahl?

Wir haben uns Biere ausgesucht, die zum einen in die Saison passen und natürlich zu den Gerichten. Da sind sehr feine Gerichte dabei, so im Kimchi-Style mit Fisch oder Muscheln – da muss man schon immer schauen, welches Bier dazu passt. Und natürlich ist es beim Bier so, dass wir eine bestimmte Abfolge brauchen: Wenn du ein hopfengeschöpftes Bier hast, dann legt sich die Hopfenbitterkeit auf deine Zunge, ähnlich wie Schärfe. Das nennt sich Alphasäure und wird gemessen mit der International Bitterness Unit (IBU). Das hat bestimmt jeder schon mal auf einer Flasche gesehen. Wenn man anfangs da zu hoch geht, schmeckt man die anderen Aromen nicht mehr.

Deshalb hab ich für Tristan Brandts Amuse Geule mit dem Hamachi-Fisch und Austern eine badische Gose von Weide dabei: Ein leichtes Bier, leicht-säuerlich, was mit Salz und Koriander gebraut wird. Ein super Aperitif-Bier mit leichter Säure. Die bereitet den Magen vor; kennt man beispielsweise von Campari. Die Gose hat nur 4% Alkohol, damit man auch nicht direkt betrunken ist, wenn man noch nichts im Magen hat. Denn dann schmeckt man nichts oder gibt sich keine Mühe mehr (lacht).

Im zweiten Gang von Ben Pommer (siehe auch unser Tastemaker-Portrait mit Ben) haben wir von der Riegele Brauerei mit Robustus 6 ein Porter, was ein sehr leichtes Porter ist. Es hat zwar dunkle Malze und eine spezielle Hefe, aber es wurde geröstet. Die Röstaromen sind nicht zu stark, dadurch ist nicht zu bitter am Ende. So passt es sehr schön zu dem Kürbis.

Im Anschluss haben wir das Pale Ale Palim Palim von Überquell. Sehr leicht, sehr fein strukturiert, leicht herb, aber für die leichte Schärfe im Gang von Arne Anker ist es ganz gut, weil Hopfen und Bitterkeit sich gut mit Schärfe kombinieren lassen. Es gleicht sich ein bisschen aus, ähnlich wie mit Milch und Schärfe.

Dann gibt es bei Fabio Haebel und seinen Jakobsmuscheln eine Swingers Gose. Die Jakobsmuscheln sind ohne Salz gekocht, dafür ist das Bier mit Meersalz, Limettenschale und Orangenschale gebraut. Das gibt dem Ganzen so einen zitrusfruchtigen Touch.

Im Hauptgang servieren wir zu Kaffeekirsche und Schwein von Thomas Imbusch das BRLO Porter, was allerdings so kräftig ist, dass es eher als Stout gilt. Durch die Hopfung entwickeln ganz viele dunkle Biere Aromen nach roten Früchten, also Kaffee oder Himbeere, die die Kirsche ergänzen und gut zueinander passen.

Zum Dessert von Tobias Wussler gibt es etwas ganz besonderes: Ein Bourbon Barrel Bock von Vulkan, ein dunkler Doppelbock, der über ein halbes Jahr im tiefsten Bierkeller der Welt im Eifelgestein unter dem Meeresspiegel in alten Bourbon-Fässern lagert. Das entwickelt kokosartige Aromen. Es ist unfassbar, was da für eine Bandbreite entsteht und das passt natürlich gut zu etwas Süßem; also zu dem Eis, das Tobias kreiert hat.

Das klingt spannend.

Ich hoffe es schmeckt, es ist nämlich Weltpremiere.

Letzte Frage – hätte es ein Gericht geben können, bei dem es wirklich schwierig geworden wäre, das passende Bier zu finden? Gibt es Gerichte wo man sagt, da trinkt man einfach kein Bier dazu?

Sophia Wenzel: Naja, wir haben tatsächlich an manchen Stellen ein bisschen gekniffelt, aber ich denke, es gibt kein Essen, für welches es kein passendes Bier gibt.

Man muss einfach das richtige Bier finden.

Weitere interessante Persönlichkeiten findet ihr in unserer Reihe TASTEMAKER.

Hopfenmahl Menü Teil 2 Berlin Food Week
Gang 3 bis 5 (v.l.n.r): Jacobsmuschel, Tomate, Kaviar von Fabio Haebel (hæbel), dazu Swingers Gose (Brauerei Oedipus) // Schwein, Kaffeekirsche, Kakao von Thomas Imbusch (The Chef’s Stories), dazu BRLO Porter (Brauerei BRLO) // Helles Bier, gedörrte Physalis, geröstetes Malz von Tobias Wussler (Waldgaststätte Ponyhof), dazu Vulkan Bourbon Barrel Doppelbock (Brauerei Vulkan)

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