Feature: Lebensmittel aus Krisenregionen - Conflictfood | FOODBARN
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Sei es, ob wir ein halbes Kilo Tomaten für 1,50 Euro im Supermarkt kaufen oder das teure Fleisch vom Bio-Metzger: “Eigentlich ist jede Entscheidung, wenn wir Lebensmittel einkaufen, auch eine politische Entscheidung”, meint Salem El-Mogaddedi vom Berliner Unternehmen Conflictfood. Vor etwa eineinhalb Jahren sind er und Gernot Würtenberger damit an den Start gegangen. Ihr Ziel: mit Lebensmitteln aus Krisenregionen für guten Geschmack und ein bisschen mehr Frieden sorgen.

Text: Milena Zwerenz
Fotos: Evelyn Bencicova, Gernot Würtenberger

Als die beiden im Herbst 2015 privat nach Afghanistan reisten, hörten sie von einem Frauenkollektiv im Westen des Landes, in der Provinz Herat, die mit einer NGO von der Opiumproduktion auf Safrananbau umgestiegen waren. Kurzerhand schauten sie dort vorbei und waren schwer beeindruckt: nicht nur von der Qualität der Produkte, sondern auch davon, wie die Frauen in einer eher männerdominierten Welt ihr eigenes Ding machten. In einem Land wie Afghanistan, in dem seit Jahrzehnten Krieg herrscht. „Man hört eigentlich nur davon, wenn gerade wieder eine Bombe explodiert ist,“ meint Salem ganz rational. “Dabei gehen die Leute dort auch zur Arbeit, ins Kino oder picknicken, doch das bekommt hier niemand mit. Wir wissen nichts über die Gastfreundschaft, über die Kultur. Die Medien zeigen ein sehr einseitiges Bild.” In Afghanistan fände auch gar kein internationaler Warenverkehr statt, was auch dazu beitrage, dass das Land so arm sei, erklärt Salem.

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Die Gründer von Conflictfood – Salem El-Mogaddedi (links) und Gernot Würtenberger. / Foto: Evelyn Bencicova

Zurück in Deutschland brodelte die Idee, den Safran hier zu verkaufen und gleichzeitig die Geschichte der Frauen zu erzählen. Wie könnten sie eine langfristige, wirtschaftliche Zusammenarbeit aufbauen und die Menschen vor Ort unterstützen? Ihr Plan: Produkte aus Krisenregionen nach Deutschland holen und einen Teil der Gewinne zurück an die jeweiligen Bauern fließen lassen.

Das erste Produkt: Safran aus Afghanistan

Als sie mit dem Konzept von Conflictfood schließlich einen Start-Up-Award gewannen, ein Stipendium vom Social Impact Lab und viel positives Feedback bekamen, wagten sie den entscheidenden Schritt und kündigten ihre alten Jobs – Salem als NGO-Mitarbeiter, Gernot als Architekt und Stadtplaner – und widmeten sich ganz ihrem eigenen Unternehmen.

Am Anfang stand eine für beide Seiten eine völlig neue Situation: “Schließlich kamen wir – als zwei Berliner – zu den Frauen auf das Safranfeld und wollten ihre Produkte, die sie sonst lokal auf anderen Märkten oder in Kabul verkaufen, nach Europa importieren.” Mit der Zeit näherten beide Seiten sich an, innerhalb des Frauenrates wurde sich schliesslich für die Zusammenarbeit entschieden. Die Preise für den Safran ließen Gernot und Salem von den Frauen selbst bestimmen und richteten sich nach ihren Erntezyklen. So handhaben sie es seitdem mit allen Bauern, mit denen sie zusammenarbeiten.

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Hochwertiger Safran aus Afghanistan, in mühsamer Handarbeit gepflückt / Foto: Gernot Würtenberger in der Provinz Herat

Schon bald, nachdem der afghanische Safran in Deutschland auf dem Markt war, gelangten Salem und Gernot über Kontakte aus ihrem Netzwerk an ihre zweiten Lieferanten: Freekeh-Bauern in Palästina. Freekeh [ausgesprochen wie “Fricke”, An. d. Red] ist ein gerösteter grüner Weizen, der sehr früh geerntet wird und dementsprechend auch nicht so viel Wasser braucht. Etwas das in der Region ohnehin nicht so viel zu Verfügung steht”, erklärt Gernot. So würde Freekeh die herrschenden Probleme auch ein Stück weit widerspiegeln. Traditionell wird das proteinhaltige Korn mit Hasenfleisch gekocht, doch für die deutsche Küche haben die beiden sich bewusst ein paar westliche Rezepte ausgedacht: “Schließlich sollen unsere Produkte auch schmecken.” Freeksotto zum Beispiel, ein leckeres Pilzrisotto, aber eben mit Freekeh zubereitet statt mit Reis.

Nachhaltig essen heißt auch sozial zu denken

Ihre letzte Reise führte Salem und Gernot nach Myanmar; eine Reise, bei der sie sich mitten in zahlreichen schwelenden Konflikten wiederfanden, bedingt durch die etwa 140 verschiedenen dort lebenden Ethnien. Erstaunt hätte sie, wie wenig manche Menschen trotzdem über Myanmar wüssten. “Wir sind dort Touristen begegnet, die hatten bisher nichtmal von den Rohingya gehört.” Eine NGO lud sie in den Norden des Landes ein, in die umkämpften Gebiete des Nord-Shan, zum Volk der Ta’an, das seit sechs Jahrzehnten für seine Unabhängigkeit kämpft – und außerdem Tee anbaut. “Dort wächst der Tee noch wild, ganz ursprünglich. Es gibt keine großen, durchkommerzialisierten Plantagen, anders als in Darjeeling oder Assam in Indien”, berichtet Gernot. Ihr myanmarischer Tee sei damit der erste Bio-Tee, der aus diesem Land nach Europa überhaupt importiert würde. Ihn, wie auch die anderen Produkte, gibt es auf der Homepage, aber auch bei anderen Anbietern wie Manufactum oder im taz Shop zu kaufen. Das eingenommene Geld fließt zum Teil an eine Bildungseinrichtung des Herkunftslandes. So kauften sie mit Erlösen aus dem Safranverkauf bereits Feuerholz für das Kinderheim Paiwand-e-Noor am Stadtrand Kabuls.

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Teepflückerinnen in Nord Shan / Foto: Gernot Würtenberger

Wie reagieren sie auf Leute, die sagen, dass lieber lokal gekauft werden solle, statt etwas aus dem Ausland zu importieren? “Nun, es gibt ja drei Säulen der Nachhaltigkeit”, erklärt Salem. So seien der ökologische und ökonomische Aspekte das eine, der soziale Nutzen würde aber ebenfalls eine wichtige Rolle spielen: “Wir wollen den Menschen eine Perspektive geben und globale Fluchtursachen vor Ort bekämpft werden.” Gernot fügt hinzu: “Regional zu kaufen, ist gut und wichtig, aber man darf in einer so globalisierten Welt den Blick über den Tellerrand nicht vergessen”.

Wohin die Reise der beiden als Nächstes geht, steht noch nicht fest. “Wir entscheiden jetzt auch nicht nach bestimmten Kriterien, in welcher Region wir helfen wollen, bisher hat sich das natürlich entwickelt. Wir müssen dorthin reisen können und die Qualität der Produkte muss ja auch stimmen”, meint Salem. Außerdem müssten sie auch schauen, wie sich der aktuelle Verkauf entwickelt. Schließlich wollten sie klein bleiben, damit ihre Produzenten die Nachfrage stemmen können. Vielleicht nehmen sie sich nach Weihnachten ein Jahr Zeit, um ihr Unternehmen zu festigen, vielleicht führt sie ihr Weg nach Afrika. Orte, die Unterstützung gebrauchen könnten, gibt es schließlich genug.

In unserer Rubrik ENTDECKEN findet ihr weitere kulinarisch interessante Orte und Persönlichkeiten. 

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Das Safranfeld in der afghanistanischen Provinz Herat / Foto: Gernot Würtenberger

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