Begegnungen über den Tellerrand: Kochen, essen, kennenlernen | FOODBARN
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Beim Berliner Verein „Über den Tellerrand“ geht Integration durch den Magen. Seit fünf Jahren lernen sich bei dessen Projekten Geflüchtete und Einheimische kennen – ob beim urbanen Gärtnern oder bei Kochkursen.  

Text: Sascha Rettig
Titelbild: Hans-Sauer-Stiftung

Wenn Mudar sich auf einen seiner Kochkurse vorbereitet, die Rezepte auswählt für den Brot-Salat Fattoush, Tabouleh mit Bulgur und Petersilie, die würzige Reisspezialität Kabsa – dann muss er schon ein bisschen schmunzeln, dass ausgerechnet Kochen so eine große Rolle in seinem Leben spielt.

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Mudar inmitten seiner neuen Passion des Kochens – hier zu sehen mit Tellern voller Tabouleh. Unser Tabouleh-Rezept findest du über einen Klick auf das Bild. Foto: Linus Beste

Klar, gegessen hat er immer gern. Doch bis er vor fast vier Jahren aus Syrien flüchtete, hatte sich der heute 33-jährige mit der Zubereitung so gut wie gar nicht beschäftigt. Erst als er dann in Wacken, der kleinen Stadt in Norddeutschland mit dem großen Heavy-Metal-Festival, gelandet war, hatte er keine Wahl. „Da gab es kein syrisches, kein arabisches Restaurant“, erinnert sich der 33-jährige Arabisch-Lehrer mit dem buschigen Vollbart. Um den Geschmack seiner Heimat nach Deutschland zu holen, musste er also selber lernen, syrische Gerichte zuzubereiten.

Kurzerhand holte er sich über das Telefon Tipps von seiner Mutter, sah sich Youtube-Videos an und merkte bald, dass ihm das Kochen sogar ziemlich viel Spaß macht. „Seitdem habe ich mich gut weiterentwickelt“, erzählt Mudar stolz, der ursprünglich aus Aleppo kommt. In Deutschland lebte er zunächst sieben Monate in Wacken, bevor er vor drei Jahren nach Berlin kam und dort seit einiger Zeit sogar in syrischen Kochkursen seine Kochkenntnisse weitergibt: Bei „Über den Tellerrand“, einem Verein, der sich mit einer Vielzahl an Projekten für Integration und die Begegnung von Geflüchteten und Einheimischen einsetzt. Im Mittelpunkt steht dabei in der Regel das gemeinsame Kochen und Essen.

Mutterschiff des Vereins ist ein Ladenlokal im Berliner Stadtteil Schöneberg, das mit vielen Pflanzen, hellen, extra für den Raum entwickelten Holzmöbeln im Industrie-Chic und den abgezogenen Holzdielen wirkt wie ein hippes Café oder ein minimalistischer Laden. Seit der Gründung vor fünf Jahren besteht außerdem ein Satelliten-Netzwerk mit ehrenamtlichen Zweigstellen in über 30 Städten.

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Das Ladenlokal von „Über den Tellerrand“ lädt regelmäßig zu Kochkursen ein. Über einen Klick auf das Bild gelangst du zu den aktuellen Kursangeboten. Foto: Laura Fiorio

„Der Wunsch ist es, dass sich Menschen dabei kennenlernen“, sagt Linn Kaldinski, die bei „Über den Tellerrand“ für das Ehrenamts- und Community-Management in Berlin zuständig ist. „Ich glaube, dass sich Menschen am ehesten über gemeinsame Interessen kennenlernen.“ Dabei stehe die Aktivität im Zentrum, das gemeinsame Realisieren eines Projektes, das die Gelegenheit zum Austausch schaffe. „Und nicht dieses ‚Hier sind Menschen mit und da sind Menschen ohne Fluchterfahrung – jetzt lernt euch bitte kennen‘.“

Los ging es mit dem Verein im Jahr 2013 in Berlin-Kreuzberg. Die Idee führt zurück zu einem Gründerwettbewerb an der Freien Universität, an dem die späteren Initiatoren von „Über den Tellerrand“ teilnahmen. Damals organisierten afrikanische Flüchtlinge gerade ein Camp am Kreuzberger Oranienplatz. Sie wollten dort zeigen, wie Asylsuchende in Deutschland behandelt werden und dagegen protestieren. „Das war zwar in den Medien sehr präsent, aber kaum jemand hat mit den Menschen dort wirklich gesprochen“, erklärt Linn. Die Kommilitonen hatten daher die Idee, sich anders mit Flucht, Asyl und Integration auseinanderzusetzen. Sie wollten mit den betroffenen Menschen in Kontakt treten – und hatten einen Einfall. Sie schnappten sich Campingkocher, Töpfe, Pfannen und Zutaten, setzten sich zu den Geflüchteten und fingen an, mit ihnen zu kochen. „Gemeinsames Kochen ist schließlich ein ganz easy Türöffner, um Menschen kennenzulernen.“ Kochen habe viel mit Kultur, Heimat und Tradition zu tun.

Das Produkt dieser Treffen im Protestcamp war damals das kleine Kochbuch „Rezepte für ein besseres Wir“. Nicht nur mit Rezepten zu den Speisen, die gekocht wurden, auch die Leute, die Asylsuchenden, wurden vorgestellt. Das war der Grundstein für das, was „Über den Tellerrand“ heute ist. Denn der Verein hat sich mit einer Vielzahl von Ideen und Projekten weiterentwickelt. Es wurden weitere Kochbücher veröffentlicht. Es gibt ein Sprach-Café, eine Fußballmannschaft und beim urbanen Gärtnern im sogenannten Inselgarten werden gemeinsam Kräuter und Gemüse angepflanzt.

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Das Ursprungsprodukt von „Über den Tellerrand“ ist ein Kochbuch mit Rezepten, die während eines Protestcamps in Berlin von afrikanischen Geflüchteten und Studenten der Freien Universität gekocht wurden. Über einen Klick auf das Bild gelangst du zum Shop von „Über den Tellerrand“.

Vor allem aber spielt das Kochen nach wie vor eine wichtige Rolle. Mehrfach im Monat finden Community-Kochveranstaltungen statt, bei denen (nach Anmeldung) jeder Interessierte mitmachen kann: Für„50 Plates Of“ etwa wird monatlich eine Zutat ausgewählt, zum Beispiel Kichererbsen. „Dann fragen wir Leute aus unterschiedlichen Ländern, ob sie Lust haben, ein Gericht aus ihrer Heimat damit zu kochen“, erklärt Linn. Diese Veranstaltungen sind kostenfrei – anders als die syrischen und afghanischen Kochkurse, die derzeit einmal im Monat stattfinden. 75 Euro kostet die Teilnahme pro Person inklusive Getränken und mehreren Gängen mit verschiedenen Vorspeisen, einem vegetarischen Hauptgericht oder einem mit Fleisch, sowie einem Dessert. „Die Einnahmen fließen in den Verein, damit möglichst viele kostenlose Begegnungsevents stattfinden können“, sagt Lotta Häfele, die sich im Verein um Kochkurse, Catering und Kochbücher kümmert.

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Einmal im Monat wird für „50 Plates of…“ eine Zutat ausgewählt, die dann in allen möglichen Variationen verwertet wird – hier: Der Salat.

Zwischen acht und maximal 30 Leute kommen bei den Kursen zusammen. Zu einer Minz-Limonade oder einem Tee als Willkommensdrink stellen sie sich bei einem kurzen Icebreaker-Spiel vor. Dann wird losgelegt, geschnitten, geschnibbelt. „Wir versuchen immer Gerichte zu finden, bei deren Zubereitung die Teilnehmer auch was zu tun haben und es zwischendurch nicht langweilig wird“, erklärt Mudar, der für das Menü vor allem sehr typische Gerichte aus seiner alten Heimat auswählt, aber auch mal Familienrezepte unterbringt. „Mafia“ zum Beispiel, ein Gericht, bei dem Gemüse im Topf kocht – ohne Wasser und Öl. „Die letzte Schicht besteht aus Tomaten, wodurch das Gemüse im Tomatensaft kocht.“ Sein Lieblingsessen aber ist Mahshi – Zucchini gefüllt mit Reis und Hackfleisch, die in Tomatensoße mit Knoblauch, Minze und sieben Gewürzen gekocht werden. Für Mudar ist das mehr als nur ein leckeres Essen: „Ich hole damit Momente aus meiner Heimat zurück.“

Bei den Kursen stellen sich auch der Verein und der Koch oder die Köchin vor. Mudar erzählt dann von seiner Kultur und zeigt Fotos aus Aleppo, vom Souq, dem Markt, oder von der Zitadelle mitten in der Stadt. Die Gäste können ihm auch Fragen stellen – oft ist dann die Flucht ein Thema. „Die meisten wollen wissen, was vor dem Krieg war, was jetzt ist und wie meine Zukunft aussieht – und wie ich nach Deutschland gekommen bin“, berichtet Mudar. Auf dem Landweg kam er hierher. Über die Türkei, wo er sich mit anderen tagelang im Wald verlief, weil sich der bezahlte Schlepper abgesetzt hatte. Über Bulgarien, wo er einen Monat im Gefängnis saß. Und schließlich über Rumänien nach Wacken. „Die Fragen sind manchmal sehr persönlich, die gehen schon sehr tief, dann versuche ich manchmal, ihnen etwas auszuweichen“, fügt der Syrer hinzu. „Allgemein rede ich gern darüber, was passiert ist. Deutschland hat uns sehr unterstützt. Die Leute wollen nun wissen, warum wir unser Land verlassen haben.“

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„Über den Tellerrand“ hat Mudar das Ankommen in Deutschland erleichtert.  Foto: Anna Wasilewski

Auch „Über den Tellerrand“ hat Mudar das Ankommen in Deutschland erleichtert. Dort hat er viele Deutsche kennengelernt, die Sprache gelernt, einen Minijob bekommen und ihm wurde unter anderem bei der Wohnungssuche geholfen. Durch den Kontakt zu den Gästen, durch die Geschichten, die sie von sich erzählen, lernt er außerdem mehr über die Mentalität und die Kultur. „Solche Projekte sind sehr wichtig, damit die Flüchtlinge richtig in die Gesellschaft kommen“, sagt er. Mittlerweile kocht er nicht nur für sich und bei „Über den Tellerrand“, sondern auch für seine Eltern, die inzwischen ebenfalls in Deutschland leben. „Meine Mutter ist zufrieden“, sagt er grinsend. „Sie ist stolz auf mich.“

Mehr Informationen zu „Über den Tellerrand“ findet ihr unter ueberdentellerrand.org. Wer sich schon vor dem Kochkurs etwas vorbereiten möchte, dem sei das Kochbuch „Souq – Von Mezze bis Pistazientorte“ ans Herz gelegt.

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